REDs im Sport: Wenn mehr Training zur Leistungsfalle wird

Von Alicia Kaleta
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Kurz & knapp

  • REDs beschreibt eine anhaltend zu niedrige Energieverfügbarkeit, die Gesundheit, Regeneration und sportliche Leistung beeinträchtigen kann.
  • Das Syndrom kann unabhängig von Geschlecht, Sportart oder Leistungsniveau auftreten und betrifft nicht nur den Profisport.
  • Mögliche Warnzeichen sind unter anderem Leistungsabfall, Verletzungsanfälligkeit, hormonelle Störungen, Erschöpfung und psychische Belastungen.
  • REDs ist ein komplexes, multisystemisches Syndrom, das viele Körperfunktionen gleichzeitig beeinflussen kann.
  • Für Diagnose und Behandlung sind eine fachliche Beurteilung sowie die Anpassung von Ernährung, Training und Erholung entscheidend.
  • Eine ausreichende Energiezufuhr ist die Grundlage, um Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig zu erhalten.

Für viele Sportlerinnen und Sportler gibt es eine fast universelle Formel: Hartes Training + Disziplin = Bessere Leistung. Doch was, wenn diese Formel plötzlich nicht mehr aufgeht? Was, wenn du mehr trainierst, dich „gesund“ ernährst, aber trotzdem ständig müde bist, deine Leistung stagniert oder sogar nachlässt, du dich häufiger verletzt oder dich einfach „nicht mehr richtig fit“ fühlst?

Die Ursache dafür könnte ein Zustand sein, der als Relatives Energiedefizit im Sport (REDs) bezeichnet wird. Dahinter verbirgt sich weit mehr als „zu wenig essen“: REDs beschreibt ein chronisches Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch, das zahlreiche Körperfunktionen beeinträchtigen kann, darunter den Hormonhaushalt, den Stoffwechsel, die Knochengesundheit und die psychische Leistungsfähigkeit. Und das betrifft nicht nur Profis, sondern auch ambitionierte Freizeitsportler. Oft erkennen Betroffene die Warnzeichen erst, wenn ihr Körper längst auf Sparflamme läuft.

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Dieser Artikel beleuchtet, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen – darunter die jüngste Konsenserklärung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) – was REDs genau ist, wie du es erkennst und was du dagegen tun kannst. Ziel ist es, die Mechanismen hinter REDs verständlich zu erklären und aufzuzeigen, wie entscheidend eine ausreichende Energieverfügbarkeit für Gesundheit, Regeneration und sportliche Leistungsfähigkeit ist.

Was ist REDs? (Und was bedeutet LEA?)

Der Kern von REDs (engl. Relative Energy Deficiency in Sport) ist ein scheinbar einfaches, aber folgenschweres Problem: eine zu geringe Energieverfügbarkeit (engl. Low Energy Availability, kurz LEA)1Areta, J. L., Taylor, H. L., & Koehler, K. (2021). Low energy availability: history, definition and evidence of its endocrine, metabolic and physiological effects in prospective studies in females and males. European journal of applied physiology121(1), 1–21. https://doi.org/10.1007/s00421-020-04516-0..

Stell dir deinen Körper wie ein Smartphone vor. Dein tägliches Essen ist das Ladekabel, das Energie liefert. Dein Training – egal, ob Laufen, Radfahren oder Krafttraining – entleert jeden Tag einen großen Teil des Akkus. Doch dein Körper braucht Energie (Akku) nicht nur fürs Training, sondern auch für alle grundlegenden Funktionen: Gehirnleistung, Herzschlag, Verdauung, Hormonproduktion, Knochenstoffwechsel, Immunabwehr und vieles mehr.

Die Energieverfügbarkeit beschreibt die Energie, die nach dem Training noch für diese lebenswichtigen Prozesse übrig bleibt. Oder vereinfacht gesagt:

Energieaufnahme (durch Nahrung) − Energieverbrauch (durch Training) = Energieverfügbarkeit (LEA)

Wenn du also regelmäßig nicht genug isst, um sowohl den Energiebedarf für dein Training als auch für deine Körperfunktionen zu decken, entsteht ein Zustand niedriger Energieverfügbarkeit (LEA). Dieser Mangel kann unbeabsichtigt entstehen – etwa wenn du dein Trainingspensum erhöhst, ohne deine Ernährung entsprechend anzupassen – oder bewusst, z. B. durch restriktive Diäten oder das Ziel einer Gewichtsreduktion.2Sim, A., & Burns, S. F. (2021). Review: questionnaires as measures for low energy availability (LEA) and relative energy deficiency in sport (RED-S) in athletes. Journal of eating disorders9(1), 41. https://doi.org/10.1186/s40337-021-00396-7.

In der Folge gerät dein Körper in eine Energiekrise und schaltet in einen „Energiesparmodus“: Stoffwechselprozesse werden heruntergefahren, der Hormonhaushalt verändert sich und die Regeneration sowie Leistungsfähigkeit nehmen ab.

REDs ist das Syndrom, also die Gesamtheit der körperlichen, hormonellen und psychischen Folgen, die aus einer anhaltenden niedrigen Energieverfügbarkeit entstehen.

Von der „Triade der Sportlerin“ zum globalen Syndrom

Vielleicht hast du schon einmal von der sog. „Triade der Sportlerin“ (engl. Female Athlete Triad, kurz FAT) gehört. Dieser Begriff wurde 1992 geprägt, um drei miteinander verbundene Probleme zu beschreiben, die v. a. bei Leistungssportlerinnen beobachtet wurden3Dave, S. C., & Fisher, M. (2022). Relative energy deficiency in sport (RED – S). Current problems in pediatric and adolescent health care52(8), 101242. https://doi.org/10.1016/j.cppeds.2022.101242. 4Coelho, A. R., Cardoso, G., Brito, M. E., Gomes, I. N., & Cascais, M. J. (2021). The Female Athlete Triad/Relative Energy Deficiency in Sports (RED-S). A tríade da atleta feminina/déficit energético relativo no esporte (RED-S). Revista brasileira de ginecologia e obstetricia : revista da Federacao Brasileira das Sociedades de Ginecologia e Obstetricia43(5), 395–402. https://doi.org/10.1055/s-0041-1730289..

  • Gestörtes Essverhalten oder einfach eine zu geringe Energiezufuhr
  • Amenorrhoe, also das Ausbleiben der Menstruation
  • Osteoporose bzw. verminderte Knochendichte

Mit der Zeit wurde jedoch klar, dass dieses Modell zu kurz greift. Deshalb hat das IOC im Jahr 2014 das Konzept „Relative Energy Deficiency in Sport (REDs)“ erweitert und es im Jahr 2023 auf Grundlage zahlreicher neuer Forschungsergebnisse in einer neuen Konsenserklärung weiterentwickelt und aktualisiert5Mountjoy, M., Ackerman, K. E., Bailey, D. M., Burke, L. M., Constantini, N., Hackney, A. C., Heikura, I. A., Melin, A., Pensgaard, A. M., Stellingwerff, T., Sundgot-Borgen, J. K., Torstveit, M. K., Jacobsen, A. U., Verhagen, E., Budgett, R., Engebretsen, L., & Erdener, U. (2023). 2023 International Olympic Committee's (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). British journal of sports medicine57(17), 1073–1097. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106994. 6De Souza, M. J., Strock, N. C. A., Ricker, E. A., Koltun, K. J., Barrack, M., Joy, E., Nattiv, A., Hutchinson, M., Misra, M., & Williams, N. I. (2022). The Path Towards Progress: A Critical Review to Advance the Science of the Female and Male Athlete Triad and Relative Energy Deficiency in Sport. Sports medicine (Auckland, N.Z.)52(1), 13–23. https://doi.org/10.1007/s40279-021-01568-w. 7Slater, J., Brown, R., McLay-Cooke, R., & Black, K. (2017). Low Energy Availability in Exercising Women: Historical Perspectives and Future Directions. Sports medicine (Auckland, N.Z.)47(2), 207–220. https://doi.org/10.1007/s40279-016-0583-0..

Und das aus gutem Grund. Warum?

  • Weil es nicht nur Frauen betrifft: Auch männliche Athleten können an REDs leiden. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 zeigte sogar eine leicht höhere Prävalenz einer niedrigen Energieverfügbarkeit bei Männern (49,4 %) als bei Frauen (44,2 %)8Gallant, T. L., Ong, L. F., Wong, L., Sparks, M., Wilson, E., Puglisi, J. L., & Gerriets, V. A. (2025). Low Energy Availability and Relative Energy Deficiency in Sport: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports medicine (Auckland, N.Z.)55(2), 325–339. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02130-0.8. 9Logue, D. M., Madigan, S. M., Melin, A., Delahunt, E., Heinen, M., Donnell, S. M., & Corish, C. A. (2020). Low Energy Availability in Athletes 2020: An Updated Narrative Review of Prevalence, Risk, Within-Day Energy Balance, Knowledge, and Impact on Sports Performance. Nutrients12(3), 835. https://doi.org/10.3390/nu12030835.. Die Forschung hat bestätigt, dass LEA auch bei Männern zu hormonellen Störungen (z. B. einem erniedrigten Testosteronspiegel) und Knochenproblemen führen kann10Dipla, K., Kraemer, R. R., Constantini, N. W., & Hackney, A. C. (2021). Relative energy deficiency in sports (RED-S): elucidation of endocrine changes affecting the health of males and females. Hormones (Athens, Greece)20(1), 35–47. https://doi.org/10.1007/s42000-020-00214-w. 11Fagerberg P. (2018). Negative Consequences of Low Energy Availability in Natural Male Bodybuilding: A Review. International journal of sport nutrition and exercise metabolism28(4), 385–402. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2016-0332. 12Schofield, K. L., Thorpe, H., & Sims, S. T. (2021). Where are all the men? Low energy availability in male cyclists: A review. European journal of sport science21(11), 1567–1578. https://doi.org/10.1080/17461391.2020.1842510..
  • Weil es nicht nur die „Triade“ ist: REDs betrifft weit mehr als nur die Periode und die Knochen. Wie umfassende Reviews zeigen, handelt es sich um ein multisystemisches Syndrom, das nahezu alle Körperfunktionen beeinflussen kann, darunter Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Immunfunktion, Verdauung, Stimmung, Konzentration und Leistungsfähigkeit13Angelidi, A. M., Stefanakis, K., Chou, S. H., Valenzuela-Vallejo, L., Dipla, K., Boutari, C., Ntoskas, K., Tokmakidis, P., Kokkinos, A., Goulis, D. G., Papadaki, H. A., & Mantzoros, C. S. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Endocrine Manifestations, Pathophysiology and Treatments. Endocrine reviews45(5), 676–708. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae011. 14Elliott-Sale, K. J., Tenforde, A. S., Parziale, A. L., Holtzman, B., & Ackerman, K. E. (2018). Endocrine Effects of Relative Energy Deficiency in Sport. International journal of sport nutrition and exercise metabolism28(4), 335–349. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2018-0127.. Das aktuelle IOC-Modell beschreibt eine Kaskade physiologischer Beeinträchtigungen, die aus einer anhaltenden LEA resultieren15Burke, L. M., Ackerman, K. E., Heikura, I. A., Hackney, A. C., & Stellingwerff, T. (2023). Mapping the complexities of Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): development of a physiological model by a subgroup of the International Olympic Committee (IOC) Consensus on REDs. British journal of sports medicine57(17), 1098–1108. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-107335..
  • Weil es alle Athleten betrifft (inkl. Para-Sport): Die Forschung zeigt zunehmend, dass eine niedrige Energieverfügbarkeit auch bei Para-Athleten ein signifikantes Risiko für die Gesundheit und die Knochendichte darstellt. Die spezifischen physiologischen und trainingsbedingten Anforderungen im Para-Sport können dieses Risiko zusätzlich verstärken.16Blauwet, C. A., Brook, E. M., Tenforde, A. S., Broad, E., Hu, C. H., Abdu-Glass, E., & Matzkin, E. G. (2017). Low Energy Availability, Menstrual Dysfunction, and Low Bone Mineral Density in Individuals with a Disability: Implications for the Para Athlete Population. Sports medicine (Auckland, N.Z.)47(9), 1697–1708. https://doi.org/10.1007/s40279-017-0696-0. 17Figel, K., Pritchett, K., Pritchett, R., & Broad, E. (2018). Energy and Nutrient Issues in Athletes with Spinal Cord Injury: Are They at Risk for Low Energy Availability?. Nutrients10(8), 1078. https://doi.org/10.3390/nu10081078.

Kurz gesagt: REDs ist kein „Frauenthema“, sondern ein komplexes, multisystemisches Syndrom, das alle Athletinnen und Athleten unabhängig von Geschlecht, Sportart oder Leistungsniveau betreffen kann.

Wie erkenne ich REDs? Die Symptome

Da REDs den gesamten Körper betrifft, kann sich das Syndrom auf sehr unterschiedliche Weise äußern. Aus evolutionärer Sicht, im Sinne der sog. Life-History-Theorie, ist das sogar logisch: Wenn der Körper einen Mangel an Energie erkennt, verschiebt er seine Prioritäten. Er spart Energie, indem er „langfristige“ Prozesse wie Fortpflanzung, Knochenaufbau oder Regeneration herunterfährt, um das Überleben kurzfristig zu sichern18Shirley, M. K., Longman, D. P., Elliott-Sale, K. J., Hackney, A. C., Sale, C., & Dolan, E. (2022). A Life History Perspective on Athletes with Low Energy Availability. Sports medicine (Auckland, N.Z.)52(6), 1223–1234. https://doi.org/10.1007/s40279-022-01643-w..

Der gemeinsame Nenner ist also, dass der Körper Energie von Funktionen abzieht, die er im Moment nicht als „überlebenswichtig“ einstuft, etwa von der Hormonproduktion, dem Immunsystem oder der Regeneration.

REDs Symptome Gesundheit
Die vielen Gesichter von REDs: So zeigen sich gesundheitliche Folgen. (Eigene Darstellung, angelehnt an Keay & Rankin, 2019)

Hormonelle und reproduktive Störungen

Dies ist eines der deutlichsten Warnsignale19Elliott-Sale, K. J., Tenforde, A. S., Parziale, A. L., Holtzman, B., & Ackerman, K. E. (2018). Endocrine Effects of Relative Energy Deficiency in Sport. International journal of sport nutrition and exercise metabolism28(4), 335–349. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2018-0127. 20Angelidi, A. M., Stefanakis, K., Chou, S. H., Valenzuela-Vallejo, L., Dipla, K., Boutari, C., Ntoskas, K., Tokmakidis, P., Kokkinos, A., Goulis, D. G., Papadaki, H. A., & Mantzoros, C. S. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Endocrine Manifestations, Pathophysiology and Treatments. Endocrine reviews45(5), 676–708. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae011..

  • Bei Frauen: Unregelmäßige Zyklen oder das vollständige Ausbleiben der Periode (sog. funktionelle hypothalamische Amenorrhoe, FHA) sind typische Anzeichen einer anhaltend niedrigen Energieverfügbarkeit.
    • Wichtig: Das Ausbleiben der Periode ist keine normale Trainingsanpassung! Bei Athletinnen gilt Amenorrhoe als klinisches Warnsignal für eine massive Energiekrise und sollte unbedingt ärztlich abgeklärt werden21Gould, R. J., Ridout, A. J., & Newton, J. L. (2023). Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S) in Adolescents – A Practical Review. International journal of sports medicine44(4), 236–246. https://doi.org/10.1055/a-1947-3174.
    • Die FHA zählt zu den am besten untersuchten Folgen einer LEA und steht in engem Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen und Beeinträchtigungen der Knochengesundheit22Coelho, A. R., Cardoso, G., Brito, M. E., Gomes, I. N., & Cascais, M. J. (2021). The Female Athlete Triad/Relative Energy Deficiency in Sports (RED-S). A tríade da atleta feminina/déficit energético relativo no esporte (RED-S). Revista brasileira de ginecologia e obstetricia : revista da Federacao Brasileira das Sociedades de Ginecologia e Obstetricia43(5), 395–402. https://doi.org/10.1055/s-0041-1730289. 23Dave, S. C., & Fisher, M. (2022). Relative energy deficiency in sport (RED – S). Current problems in pediatric and adolescent health care52(8), 101242. https://doi.org/10.1016/j.cppeds.2022.101242..
  • Bei Männern: Ein niedriger Testosteronspiegel, verminderte Libido (sexuelles Verlangen) oder Erektionsstörungen können auf dieselbe Ursache hinweisen – eine unzureichende Energiezufuhr im Verhältnis zum Trainingsumfang.24Dipla, K., Kraemer, R. R., Constantini, N. W., & Hackney, A. C. (2021). Relative energy deficiency in sports (RED-S): elucidation of endocrine changes affecting the health of males and females. Hormones (Athens, Greece)20(1), 35–47. https://doi.org/10.1007/s42000-020-00214-w. 25Fagerberg P. (2018). Negative Consequences of Low Energy Availability in Natural Male Bodybuilding: A Review. International journal of sport nutrition and exercise metabolism28(4), 385–402. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2016-0332. 26Schofield, K. L., Thorpe, H., & Sims, S. T. (2021). Where are all the men? Low energy availability in male cyclists: A review. European journal of sport science21(11), 1567–1578. https://doi.org/10.1080/17461391.2020.1842510.

Knochengesundheit – das stille Risiko

Im Energiesparmodus fährt der Körper den Knochenaufbau zurück. Die Folge:

  • Erhöhtes Risiko für Ermüdungsbrüche (Bone Stress Injuries, BSIs): Studien zeigen übereinstimmend, dass eine LEA das Risiko für Knochenstressverletzungen deutlich erhöht27Gallant, T. L., Ong, L. F., Wong, L., Sparks, M., Wilson, E., Puglisi, J. L., & Gerriets, V. A. (2025). Low Energy Availability and Relative Energy Deficiency in Sport: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports medicine (Auckland, N.Z.)55(2), 325–339. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02130-0. 28Popp, K. L., Cooke, L. M., Bouxsein, M. L., & Hughes, J. M. (2022). Impact of Low Energy Availability on Skeletal Health in Physically Active Adults. Calcified tissue international110(5), 605–614. https://doi.org/10.1007/s00223-022-00957-1. 29Hutson, M. J., O'Donnell, E., Brooke-Wavell, K., Sale, C., & Blagrove, R. C. (2021). Effects of Low Energy Availability on Bone Health in Endurance Athletes and High-Impact Exercise as A Potential Countermeasure: A Narrative Review. Sports medicine (Auckland, N.Z.)51(3), 391–403. https://doi.org/10.1007/s40279-020-01396-4.. Die zugrunde liegende hormonelle Dysregulation, insbesondere niedrige Östrogen- oder Testosteronspiegel infolge einer LEA, beeinträchtigt den Knochenstoffwechsel direkt30Angelidi, A. M., Stefanakis, K., Chou, S. H., Valenzuela-Vallejo, L., Dipla, K., Boutari, C., Ntoskas, K., Tokmakidis, P., Kokkinos, A., Goulis, D. G., Papadaki, H. A., & Mantzoros, C. S. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Endocrine Manifestations, Pathophysiology and Treatments. Endocrine reviews45(5), 676–708. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae011.. Dies hat eine reduzierte Knochenneubildung, ein erhöhtes Frakturrisiko und langfristig eine Abnahme der Knochendichte zur Folge.
  • Verpasstes Gelegenheitsfenster: Dies ist besonders bei jugendlichen Athletinnen und Athleten kritisch. In der Jugend wird die sog. Peak Bone Mass, also die maximale Knochendichte, aufgebaut. Wird in dieser Zeit zu wenig Energie bereitgestellt, kann das Defizit später kaum mehr vollständig kompensiert werden.31Gould, R. J., Ridout, A. J., & Newton, J. L. (2023). Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S) in Adolescents – A Practical Review. International journal of sports medicine44(4), 236–246. https://doi.org/10.1055/a-1947-3174.

Sehnen-, Bänder- und Knieverletzungen

REDs betrifft nicht nur die Knochen, sondern auch das Weichgewebe. Besonders Athletinnen, die ohnehin ein höheres Grundrisiko für Knieverletzungen haben, sind durch eine niedrige Energieverfügbarkeit zusätzlich gefährdet. Ein anhaltender Energiemangel wird mit einem erhöhten Risiko für Verletzungen wie vordere Kreuzbandrisse (engl. anterior cruciate ligament, ACL) und Patellasehnen-Beschwerden in Verbindung gebracht.32Wang, M., Chee, J., Tanaka, M. J., & Lee, Y. H. D. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) and knee injuries: current concepts for female athletes. Journal of ISAKOS : joint disorders & orthopaedic sports medicine9(4), 781–787. https://doi.org/10.1016/j.jisako.2024.05.012.

Die zugrunde liegenden Mechanismen sind vielschichtig.

  • Hormonelle Veränderungen beeinträchtigen die Regeneration von Sehnen und Bändern.
  • Nährstoffdefizite (z. B. an Vitamin D oder kollagenbildenden Aminosäuren) verlangsamen die Heilung von Mikrotraumen.
  • Eine eingeschränkte neuromuskuläre Kontrolle kann zudem zu fehlerhaften Bewegungs- und Landemustern führen.

Diese Kombination erhöht das Risiko für akute und chronische Überlastungsverletzungen erheblich.

Leistungsabfall – das spüren früher oder später viele Athleten

Ironischerweise führt der Versuch, durch Gewichtsreduktion „leichter“ oder „schneller“ zu werden, häufig zum Gegenteil – zumindest dann, wenn die Energiezufuhr zu stark eingeschränkt wird. Umfassende Reviews fanden deutliche Hinweise darauf, dass eine niedrige Energieverfügbarkeit die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit messbar beeinträchtigen kann33Gallant, T. L., Ong, L. F., Wong, L., Sparks, M., Wilson, E., Puglisi, J. L., & Gerriets, V. A. (2025). Low Energy Availability and Relative Energy Deficiency in Sport: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports medicine (Auckland, N.Z.)55(2), 325–339. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02130-0. 34Melin, A. K., Areta, J. L., Heikura, I. A., Stellingwerff, T., Torstveit, M. K., & Hackney, A. C. (2024). Direct and indirect impact of low energy availability on sports performance. Scandinavian journal of medicine & science in sports34(1), e14327. https://doi.org/10.1111/sms.14327. 35Jeppesen, J. S., Hellsten, Y., Melin, A. K., & Hansen, M. (2025). Short-Term Severe Low Energy Availability in Athletes: Molecular Mechanisms, Endocrine Responses, and Performance Outcomes-A Narrative Review. Scandinavian journal of medicine & science in sports35(6), e70089. https://doi.org/10.1111/sms.70089. 36Ihalainen, J. K., Mikkonen, R. S., Ackerman, K. E., Heikura, I. A., Mjøsund, K., Valtonen, M., & Hackney, A. C. (2024). Beyond Menstrual Dysfunction: Does Altered Endocrine Function Caused by Problematic Low Energy Availability Impair Health and Sports Performance in Female Athletes?. Sports medicine (Auckland, N.Z.)54(9), 2267–2289. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02065-6..

Beobachtet wurden u. a.:

  • Verringerte Ausdauerleistung37Angelidi, A. M., Stefanakis, K., Chou, S. H., Valenzuela-Vallejo, L., Dipla, K., Boutari, C., Ntoskas, K., Tokmakidis, P., Kokkinos, A., Goulis, D. G., Papadaki, H. A., & Mantzoros, C. S. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Endocrine Manifestations, Pathophysiology and Treatments. Endocrine reviews45(5), 676–708. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae011.
  • Schlechtere Trainingsanpassung
  • Reduzierte Muskelkraft und Explosivkraft38Wang, M., Chee, J., Tanaka, M. J., & Lee, Y. H. D. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) and knee injuries: current concepts for female athletes. Journal of ISAKOS : joint disorders & orthopaedic sports medicine9(4), 781–787. https://doi.org/10.1016/j.jisako.2024.05.012. 39Hänisch, T., Nieß, A. M., & Carlsohn, A. (2025). Effects of low energy availability on performance in male athletes: A scoping review. Journal of science and medicine in sport28(2), 110–117. https://doi.org/10.1016/j.jsams.2024.10.008.
  • Eingeschränkte Koordination und Konzentration
  • Beeinträchtigtes Urteilsvermögen

Kurz gesagt: Der Körper spart Energie. Langfristig ist die Leistungsfähigkeit einer der Bereiche, die am stärksten darunter leiden.

REDs Symptome Leistungsfähigkeit
Wie REDs die Leistung ausbremsen kann – die wichtigsten Effekte im Überblick (Eigene Darstellung, angelehnt an Keay & Rankin, 2019)

Kurzfristig kann eine Gewichtsreduktion in manchen Sportarten sogar von Vorteil sein, z. B. dort, wo das Körpergewicht direkt über die Leistung entscheidet, wie beim Laufen oder Klettern. Langfristig oder bei zu starker Energieeinschränkung kehrt sich der Effekt jedoch um: Eine niedrige Energieverfügbarkeit beeinträchtigt Regeneration, Hormonhaushalt, Muskelkraft, Ausdauer, Konzentration und Trainingsanpassung. Nicht alle Athleten spüren sofort einen Leistungsabfall, doch eine anhaltende LEA führt meist zu messbaren Leistungseinbußen.

Psychologische Auswirkungen – ein Teufelskreis

Die Psyche spielt hier eine Doppelrolle: Sie kann sowohl Ursache als auch Folge von REDs sein40Pensgaard, A. M., Sundgot-Borgen, J., Edwards, C., Jacobsen, A. U., & Mountjoy, M. (2023). Intersection of mental health issues and Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): a narrative review by a subgroup of the IOC consensus on REDs. British journal of sports medicine57(17), 1127–1135. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106867.. Als Ursache kann die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild (Body-Image-Dissatisfaction), sei es durch das Streben nach extremer Schlankheit oder übermäßiger Muskeldefinition, zu restriktivem Essverhalten führen41Ruscheck, T., Kopp, C., Nieß, A. M., & Haigis, D. (2025). The Athlete's Body Image in the Context of Relative Energy Deficiency in Sport-A Scoping Review. Journal of functional morphology and kinesiology10(4), 413. https://doi.org/10.3390/jfmk10040413. 42Jagim, A. R., Fields, J., Magee, M. K., Kerksick, C. M., & Jones, M. T. (2022). Contributing Factors to Low Energy Availability in Female Athletes: A Narrative Review of Energy Availability, Training Demands, Nutrition Barriers, Body Image, and Disordered Eating. Nutrients14(5), 986. https://doi.org/10.3390/nu14050986. 43Wasserfurth, P., Palmowski, J., Hahn, A., & Krüger, K. (2020). Reasons for and Consequences of Low Energy Availability in Female and Male Athletes: Social Environment, Adaptations, and Prevention. Sports medicine – open6(1), 44. https://doi.org/10.1186/s40798-020-00275-6.. Der Druck, eine bestimmte Körperzusammensetzung oder „Idealform“ zu erreichen, gilt ebenfalls als bekannter Risikofaktor für die Entwicklung einer niedrigen Energieverfügbarkeit44Mathisen, T. F., Ackland, T., Burke, L. M., Constantini, N., Haudum, J., Macnaughton, L. S., Meyer, N. L., Mountjoy, M., Slater, G., & Sundgot-Borgen, J. (2023). Best practice recommendations for body composition considerations in sport to reduce health and performance risks: a critical review, original survey and expert opinion by a subgroup of the IOC consensus on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). British journal of sports medicine57(17), 1148–1158. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106812.. Diese psychische Belastung verstärkt wiederum den Energiemangel und kann langfristig hormonelle und körperliche Dysbalancen verschärfen.

Als Folge wirkt sich der Energiemangel selbst negativ auf die Stimmung aus. Häufige Begleiterscheinungen sind Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmungen bis hin zu Depressionen, Angstzustände und Antriebslosigkeit. Diese psychischen Effekte können die Problematik weiter verstärken, da sie die Motivation, zu essen oder sich zu regenerieren, zusätzlich mindern.

Weitere Anzeichen für den „System-Down“

Wenn der Körper dauerhaft Energie spart, zeigen sich oft auch unspezifische, aber ernstzunehmende Symptome:

  • Immunsystem: Häufige Infekte, z. B. wiederkehrende Erkältungen oder langwierige Genesungsphasen45Angelidi, A. M., Stefanakis, K., Chou, S. H., Valenzuela-Vallejo, L., Dipla, K., Boutari, C., Ntoskas, K., Tokmakidis, P., Kokkinos, A., Goulis, D. G., Papadaki, H. A., & Mantzoros, C. S. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Endocrine Manifestations, Pathophysiology and Treatments. Endocrine reviews45(5), 676–708. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae011. 46Dave, S. C., & Fisher, M. (2022). Relative energy deficiency in sport (RED – S). Current problems in pediatric and adolescent health care52(8), 101242. https://doi.org/10.1016/j.cppeds.2022.101242.,
  • Magen-Darm-Trakt: Verdauungsprobleme wie Verstopfung, Blähungen oder Reizdarm-ähnliche Beschwerden47Dave, S. C., & Fisher, M. (2022). Relative energy deficiency in sport (RED – S). Current problems in pediatric and adolescent health care52(8), 101242. https://doi.org/10.1016/j.cppeds.2022.101242.,
  • Stoffwechsel: Der Körper senkt seinen Ruheumsatz (Resting Metabolic Rate, RMR), um Energie zu sparen. Man friert schneller oder fühlt sich permanent erschöpft48Sterringer, T., & Larson-Meyer, D. E. (2022). RMR Ratio as a Surrogate Marker for Low Energy Availability. Current nutrition reports11(2), 263–272. https://doi.org/10.1007/s13668-021-00385-x. 49Elliott-Sale, K. J., Tenforde, A. S., Parziale, A. L., Holtzman, B., & Ackerman, K. E. (2018). Endocrine Effects of Relative Energy Deficiency in Sport. International journal of sport nutrition and exercise metabolism28(4), 335–349. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2018-0127.,
  • Herz-Kreislauf-System: Ein auffallend niedriger Ruhepuls (Bradykardie, die nicht durch Training bedingt ist) und niedriger Blutdruck sind häufige Begleiterscheinungen50Coelho, A. R., Cardoso, G., Brito, M. E., Gomes, I. N., & Cascais, M. J. (2021). The Female Athlete Triad/Relative Energy Deficiency in Sports (RED-S). A tríade da atleta feminina/déficit energético relativo no esporte (RED-S). Revista brasileira de ginecologia e obstetricia : revista da Federacao Brasileira das Sociedades de Ginecologia e Obstetricia43(5), 395–402. https://doi.org/10.1055/s-0041-1730289..

REDs ist keine „leichte Unterversorgung“, sondern eine systemische Störung, die den gesamten Organismus betrifft. Die Symptome reichen von subtil bis gravierend – und je länger der Zustand anhält, desto schwerer sind die körperlichen und psychischen Folgen. Das frühzeitige Erkennen dieser Warnsignale ist daher entscheidend, um Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig zu schützen.

Die Ursachen: Es ist kompliziert

REDs entsteht durch eine anhaltend oder ausgeprägt niedrige Energieverfügbarkeit, also dann, wenn dem Körper dauerhaft weniger Energie zur Verfügung steht, als er für Training, Regeneration und grundlegende Funktionen benötigt51Mountjoy, M., Ackerman, K. E., Bailey, D. M., Burke, L. M., Constantini, N., Hackney, A. C., Heikura, I. A., Melin, A., Pensgaard, A. M., Stellingwerff, T., Sundgot-Borgen, J. K., Torstveit, M. K., Jacobsen, A. U., Verhagen, E., Budgett, R., Engebretsen, L., & Erdener, U. (2023). 2023 International Olympic Committee's (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). British journal of sports medicine57(17), 1073–1097. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106994.. Doch die Ursachen sind selten so einfach, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Nicht jede Kalorie ist gleich und nicht immer steckt bewusstes „Zu wenig essen“ dahinter.

Der „Kohlenhydrat-Faktor“ (LCA)

Neuere Forschungen zeigen, dass eine niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit (Low Carbohydrate Availability, LCA) eigene negative Effekte haben kann – selbst bei insgesamt ausreichender Energiezufuhr. Kohlenhydrate sind der wichtigste Brennstoff für Muskeln und Gehirn52Lodge, M. T., Ward-Ritacco, C. L., & Melanson, K. J. (2023). Considerations of Low Carbohydrate Availability (LCA) to Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S) in Female Endurance Athletes: A Narrative Review. Nutrients, 15(20), 4457. https://doi.org/10.3390/nu15204457.. Wenn sie fehlen, reagiert der Körper mit hormonellen Veränderungen, einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen und einem verminderten Knochenaufbau. Das bedeutet: Auch eine vermeintlich „ausreichende“ Kalorienzufuhr kann kritisch sein, wenn die Ernährung insgesamt zu kohlenhydratarm ist.

Aktuelle Studien zeigen zudem, dass eine geringe Zufuhr von Kohlenhydraten die negativen Folgen einer niedrigen Energieverfügbarkeit noch verstärken kann53Jeppesen, J. S., Hellsten, Y., Melin, A. K., & Hansen, M. (2025). Short-Term Severe Low Energy Availability in Athletes: Molecular Mechanisms, Endocrine Responses, and Performance Outcomes-A Narrative Review. Scandinavian journal of medicine & science in sports, 35(6), e70089. https://doi.org/10.1111/sms.70089.. Unter diesen Bedingungen kommt es nicht nur zu einer stärkeren Unterdrückung anaboler Stoffwechselprozesse, sondern auch zu Veränderungen im Knochenstoffwechsel, wie einer reduzierten Knochenneubildung und einem Anstieg knochenabbauender Marker. Darüber hinaus wird beschrieben, dass eine niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit Entzündungsprozesse und oxidativen Stress nach Belastung verstärken kann, während eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr immunologische Beeinträchtigungen abpuffert. Auch das aktuelle IOC-Modell betont, dass eine niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit die negativen Auswirkungen einer geringen Energieverfügbarkeit noch verstärkt.54Burke, L. M., Ackerman, K. E., Heikura, I. A., Hackney, A. C., & Stellingwerff, T. (2023). Mapping the complexities of Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): development of a physiological model by a subgroup of the International Olympic Committee (IOC) Consensus on REDs. British journal of sports medicine, 57(17), 1098–1108. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-107335..

REDs oder Übertrainingssyndrom?

Viele Athletinnen und Athleten, die an REDs leiden, vermuten zunächst ein Übertrainingssyndrom, englisch Overtraining Syndrome (OTS). Tatsächlich überschneiden sich die Symptome beider Erkrankungen stark: Müdigkeit, Leistungsabfall, Schlafstörungen und Reizbarkeit. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 zeigte, dass in 86 % der Studien zum Thema Übertraining Hinweise auf eine niedrige Energie- oder Kohlenhydratverfügbarkeit vorlagen55Stellingwerff, T., Heikura, I. A., Meeusen, R., Bermon, S., Seiler, S., Mountjoy, M. L., & Burke, L. M. (2021). Overtraining Syndrome (OTS) and Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S): Shared Pathways, Symptoms and Complexities. Sports medicine (Auckland, N.Z.)51(11), 2251–2280. https://doi.org/10.1007/s40279-021-01491-0.. Eine weitere Meta-Analyse ergab, dass überlastete (overreached) Athleten häufig Marker einer niedrigen Energieverfügbarkeit aufwiesen56Kuikman, M. A., Coates, A. M., & Burr, J. F. (2022). Markers of Low Energy Availability in Overreached Athletes: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports medicine (Auckland, N.Z.)52(12), 2925–2941. https://doi.org/10.1007/s40279-022-01723-x.. Dies legt nahe, dass vieles, was als „Übertraining“ interpretiert wird, in Wirklichkeit auf „Unteressen“, also REDs, zurückzuführen ist.

Allerdings können sowohl Overreaching als auch ein echtes Übertrainingssyndrom (OTS) auch ohne niedrige Energieverfügbarkeit auftreten. LEA ist somit ein häufiger, aber kein obligatorischer Faktor für Leistungseinbußen. Auch andere Ursachen, wie eine chronisch hohe Trainingsbelastung, eine unzureichende Regeneration, Schlafmangel oder psychischer Stress, können zu ähnlichen Symptomen führen.

Mehr als nur Energie: Ein komplexes Zusammenspiel

Einige Wissenschaftler (z. B. Jeukendrup et al., 2024) betonen, dass das RED-Modell nicht nur „kalorienzentriert“ betrachtet werden sollte57Jeukendrup, A. E., Areta, J. L., Van Genechten, L., Langan-Evans, C., Pedlar, C. R., Rodas, G., Sale, C., & Walsh, N. P. (2024). Does Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) Syndrome Exist?. Sports medicine (Auckland, N.Z.)54(11), 2793–2816. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02108-y.. Symptome wie Müdigkeit, Reizbarkeit oder Leistungseinbruch seien unspezifisch und können auch durch andere Stressoren ausgelöst oder verstärkt werden, darunter:

  • Psychische Belastung (z. B. Leistungsdruck, familiärer Stress, Perfektionismus),
  • Schlafmangel oder schlechte Schlafqualität,
  • chronische Infekte,
  • Nährstoffmängel (z. B. Eisen, Vitamin D oder Calcium).

In der Praxis wirken diese Faktoren meist zusammen. Doch eine anhaltende niedrige Energieverfügbarkeit gilt nach aktuellem Forschungsstand als zentraler Auslöser, da sie all diese Prozesse verstärken oder sogar in Gang setzen kann.

Fazit der Forschung: REDs ist ein multifaktorielles Syndrom. Zwar können psychische, hormonelle und externe Belastungen zur Entstehung beitragen, doch die niedrige Energieverfügbarkeit bleibt der häufigste und grundlegendste Faktor, der andere Probleme verschärft oder erst sichtbar macht. Gleichzeitig betonen Fachleute, dass weitere rigorose Forschung notwendig ist, um die Kausalzusammenhänge aller REDs-Komponenten vollständig zu belegen58De Souza, M. J., Strock, N. C. A., Ricker, E. A., Koltun, K. J., Barrack, M., Joy, E., Nattiv, A., Hutchinson, M., Misra, M., & Williams, N. I. (2022). The Path Towards Progress: A Critical Review to Advance the Science of the Female and Male Athlete Triad and Relative Energy Deficiency in Sport. Sports medicine (Auckland, N.Z.)52(1), 13–23. https://doi.org/10.1007/s40279-021-01568-w..

Diagnose und Behandlung: Der Weg zurück zur Stärke

Die Diagnose von REDs ist komplex, da es keinen einzelnen Bluttest gibt, der eindeutig Auskunft darüber gibt. Die direkte Messung der Energieverfügbarkeit im Feld ist zudem methodisch anspruchsvoll und fehleranfällig59Heikura, I. A., Stellingwerff, T., & Areta, J. L. (2022). Low energy availability in female athletes: From the lab to the field. European journal of sport science, 22(5), 709–719. https://doi.org/10.1080/17461391.2021.1915391.. Zwar können eine Vielzahl potenzieller Biomarker – etwa Trijodthyronin (T3), Testosteron, IGF-1 oder Leptin – Hinweise liefern, doch ihre Standardisierung und Interpretation sind in der Praxis nach wie vor eine Herausforderung60Dvořáková, K., Paludo, A. C., Wagner, A., Puda, D., Gimunová, M., & Kumstát, M. (2024). A literature review of biomarkers used for diagnosis of relative energy deficiency in sport. Frontiers in sports and active living, 6, 1375740. https://doi.org/10.3389/fspor.2024.1375740. 61Ackerman, K. E., Rogers, M. A., Heikura, I. A., Burke, L. M., Stellingwerff, T., Hackney, A. C., Verhagen, E., Schley, S., Saville, G. H., Mountjoy, M., & Holtzman, B. (2023). Methodology for studying Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): a narrative review by a subgroup of the International Olympic Committee (IOC) consensus on REDs. British journal of sports medicine, 57(17), 1136–1147. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-107359.. Darüber hinaus werden derzeit spezifischere Marker wie Hepcidin zur Beurteilung des Eisenstoffwechsels oder die Turnover-Rate roter Blutkörperchen (RBC-Turnover) als mögliche zusätzliche Indikatoren erforscht62Badenhorst, C. E., Black, K. E., & O'Brien, W. J. (2019). Hepcidin as a Prospective Individualized Biomarker for Individuals at Risk of Low Energy Availability. International journal of sport nutrition and exercise metabolism, 29(6), 671–681. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2019-0006. 63Suzuki, D., & Suzuki, Y. (2024). Identifying and Analyzing Low Energy Availability in Athletes: The Role of Biomarkers and Red Blood Cell Turnover. Nutrients, 16(14), 2273. https://doi.org/10.3390/nu16142273. 64Suzuki, D., & Suzuki, Y. (2024). Identifying and Analyzing Low Energy Availability in Athletes: The Role of Biomarkers and Red Blood Cell Turnover. Nutrients, 16(14), 2273. https://doi.org/10.3390/nu16142273.. Metabolomische Analysen zielen darauf ab, „molekulare Signaturen“, wie etwa veränderte Aminosäure- oder Ketonkörperprofile, im Blut zu identifizieren, die eine LEA genauer widerspiegeln könnten65Nusser, V., Murphy, C., Hechenbichler Figueroa, S., Braunsperger, A., Ihalainen, J. K., Hulmi, J. J., Wasserfurth, P., & Koehler, K. (2025). Metabolic signature of short-term low energy availability. Physiological reports, 13(19), e70582. https://doi.org/10.14814/phy2.70582..

Die Diagnose basiert daher in erster Linie auf einer klinischen Beurteilung durch geschulte Ärztinnen und Ärzte oder Sportmediziner, idealerweise unter Verwendung des REDs Clinical Assessment Tool 2 (CAT2)66Stellingwerff, T., Mountjoy, M., McCluskey, W. T., Ackerman, K. E., Verhagen, E., & Heikura, I. A. (2023). Review of the scientific rationale, development and validation of the International Olympic Committee Relative Energy Deficiency in Sport Clinical Assessment Tool: V.2 (IOC REDs CAT2)-by a subgroup of the IOC consensus on REDs. British journal of sports medicine57(17), 1109–1118. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106914.. Ergänzend können Screening-Fragebögen, wie der LEAF-Q, zur Risikoeinschätzung herangezogen werden67Sim, A., & Burns, S. F. (2021). Review: questionnaires as measures for low energy availability (LEA) and relative energy deficiency in sport (RED-S) in athletes. Journal of eating disorders9(1), 41. https://doi.org/10.1186/s40337-021-00396-7..

Das CAT2 arbeitet mit einem Ampelsystem (Rot, Orange, Gelb, Grün), um das Risiko und die Schwere von REDs einzuschätzen und darauf basierend Empfehlungen für Training, Ernährung und Wettkämpfe zu geben. In die Bewertung fließen neben körperlichen Befunden auch Fragebögen, Laborwerte und Leistungsdaten ein.

Behandlung: Die Basis ist nicht-medikamentös

Die wichtigste Maßnahme ist es, die Ursache, also die niedrige Energieverfügbarkeit, zu beheben68Kuikman, M. A., Mountjoy, M., Stellingwerff, T., & Burr, J. F. (2021). A Review of Nonpharmacological Strategies in the Treatment of Relative Energy Deficiency in Sport. International journal of sport nutrition and exercise metabolism, 31(3), 268–275. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2020-0211.8. 69Torstveit, M. K., Ackerman, K. E., Constantini, N., Holtzman, B., Koehler, K., Mountjoy, M. L., Sundgot-Borgen, J., & Melin, A. (2023). Primary, secondary and tertiary prevention of Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): a narrative review by a subgroup of the IOC consensus on REDs. British journal of sports medicine, 57(17), 1119–1126. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106932.. Das Management zielt dabei auf die Wiederherstellung der Energiebilanz durch gezielte Verhaltens- und Lebensstiländerungen ab. Dazu gehören beispielsweise die Anpassung der Energiezufuhr, der Trainingsbelastung und der Erholungsstrategien70Angelidi, A. M., Stefanakis, K., Chou, S. H., Valenzuela-Vallejo, L., Dipla, K., Boutari, C., Ntoskas, K., Tokmakidis, P., Kokkinos, A., Goulis, D. G., Papadaki, H. A., & Mantzoros, C. S. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Endocrine Manifestations, Pathophysiology and Treatments. Endocrine reviews, 45(5), 676–708. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae011.. Medikamente spielen i. d. R. erst eine Rolle, wenn diese Basismaßnahmen nicht ausreichen.

  • Energiezufuhr erhöhen: Die Kalorienaufnahme muss an den tatsächlichen Energieverbrauch angepasst werden. Dabei geht es nicht um „mehr essen“ um jeden Preis, sondern um eine schrittweise, nachhaltige Steigerung.
  • Training anpassen: Oft ist es notwendig, den Trainingsumfang oder die -intensität vorübergehend zu reduzieren, um dem Körper Zeit zu geben, aus dem „Energiesparmodus“ herauszufinden.
  • Ernährungsqualität verbessern: Entscheidend ist nicht nur die Menge (Quantität), sondern auch die Zusammensetzung der Nahrung (Qualität)71Grabia, M., Perkowski, J., Socha, K., & Markiewicz-Å»ukowska, R. (2024). Female Athlete Triad and Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Nutritional Management. Nutrients, 16(3), 359. https://doi.org/10.3390/nu16030359..
    • Kohlenhydrate liefern den wichtigsten Treibstoff für Training und Hormonregulation.
    • Proteine unterstützen die Regeneration und die Reparatur von Muskeln.
    • Fette sind essenziell für die Hormonproduktion und die Aufnahme fettlöslicher Vitamine.
  • Mikronährstoffe auffüllen: Besonders Calcium, Vitamin D, Eisen und Zink verdienen Aufmerksamkeit, da sie eng mit dem Knochenstoffwechsel, der Blutbildung und der Immunfunktion verbunden sind. Bei Athleten mit LEA treten hier häufig Defizite auf.

Interessanterweise deuten Studien darauf hin, dass gezieltes, hochintensives Impulstraining (z. B. Springen) die Knochengesundheit auch im Zustand einer niedrigen Energieverfügbarkeit teilweise schützen könnte72Hutson, M. J., O'Donnell, E., Brooke-Wavell, K., Sale, C., & Blagrove, R. C. (2021). Effects of Low Energy Availability on Bone Health in Endurance Athletes and High-Impact Exercise as A Potential Countermeasure: A Narrative Review. Sports medicine (Auckland, N.Z.)51(3), 391–403. https://doi.org/10.1007/s40279-020-01396-4.. Dies ersetzt jedoch nicht die grundlegende Ernährungstherapie.

WICHTIG: Die Pille ist keine Lösung!

Eine der häufigsten und gefährlichsten Fehleinschätzungen bei Athletinnen mit Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruation) ist die Verschreibung hormoneller Verhütungsmittel, um den Zyklus vermeintlich zu „regulieren“.

Tatsächlich maskiert die Pille das Problem, anstatt es zu lösen: Sie erzeugt eine künstliche Abbruchblutung, ohne die zugrunde liegende Energiekrise (LEA) zu beheben. Der Hormonhaushalt bleibt gestört und die negativen Effekte auf Knochen und Stoffwechsel bestehen weiter73Romano, M. E., & Sass, A. (2025). Reproductive Health Management of Female Adolescent Athletes With Relative-Energy Deficiency in Sport. Journal of pediatric and adolescent gynecology38(2), 108–116. https://doi.org/10.1016/j.jpag.2024.11.008. 74Gould, R. J., Ridout, A. J., & Newton, J. L. (2023). Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S) in Adolescents – A Practical Review. International journal of sports medicine44(4), 236–246. https://doi.org/10.1055/a-1947-3174.. Studien zeigen außerdem, dass orale Kontrazeptiva die Knochendichte bei funktioneller hypothalamischer Amenorrhoe (FHA) nicht wirksam wiederherstellen können. Der Grund dafür ist der sog. Leber-First-Pass-Effekt: Er hemmt die Ausschüttung des knochenanabolen Hormons IGF-1, das entscheidend für den Knochenaufbau ist75Coelho, A. R., Cardoso, G., Brito, M. E., Gomes, I. N., & Cascais, M. J. (2021). The Female Athlete Triad/Relative Energy Deficiency in Sports (RED-S). A tríade da atleta feminina/déficit energético relativo no esporte (RED-S). Revista brasileira de ginecologia e obstetricia : revista da Federacao Brasileira das Sociedades de Ginecologia e Obstetricia43(5), 395–402. https://doi.org/10.1055/s-0041-1730289..

Kurz gesagt: Ein Zyklus, der nur durch Hormone „existiert“, ist kein gesunder Zyklus.

Hormonersatztherapie (HET): Nur, wenn Ernährung allein nicht reicht

Zeigt sich nach etwa 12 Monaten adäquater Ernährung und Trainingsanpassung keine Besserung und nimmt die Knochendichte weiter ab, kann eine echte Hormonersatztherapie (HET) in Betracht gezogen werden. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Pille.76Coelho, A. R., Cardoso, G., Brito, M. E., Gomes, I. N., & Cascais, M. J. (2021). The Female Athlete Triad/Relative Energy Deficiency in Sports (RED-S). A tríade da atleta feminina/déficit energético relativo no esporte (RED-S). Revista brasileira de ginecologia e obstetricia : revista da Federacao Brasileira das Sociedades de Ginecologia e Obstetricia43(5), 395–402. https://doi.org/10.1055/s-0041-1730289. 77Angelidi, A. M., Stefanakis, K., Chou, S. H., Valenzuela-Vallejo, L., Dipla, K., Boutari, C., Ntoskas, K., Tokmakidis, P., Kokkinos, A., Goulis, D. G., Papadaki, H. A., & Mantzoros, C. S. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): Endocrine Manifestations, Pathophysiology and Treatments. Endocrine reviews45(5), 676–708. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae011.

Dabei wird meist körperidentisches Östrogen (transdermal, z. B. als Pflaster) in Kombination mit zyklisch gegebenem Progesteron eingesetzt. Diese Therapie kann den Knochenstoffwechsel unterstützen, gilt jedoch als Zweitlinienbehandlung und ersetzt niemals die Behebung der Ursache – also die Wiederherstellung einer ausreichenden Energieverfügbarkeit.78Romano, M. E., & Sass, A. (2025). Reproductive Health Management of Female Adolescent Athletes With Relative-Energy Deficiency in Sport. Journal of pediatric and adolescent gynecology38(2), 108–116. https://doi.org/10.1016/j.jpag.2024.11.008.

Teamarbeit ist entscheidend

Die Behandlung von REDs sollte immer interdisziplinär erfolgen. Ein erfolgreiches Vorgehen vereint die Expertise aus folgenden Bereichen79Torstveit, M. K., Ackerman, K. E., Constantini, N., Holtzman, B., Koehler, K., Mountjoy, M. L., Sundgot-Borgen, J., & Melin, A. (2023). Primary, secondary and tertiary prevention of Relative Energy Deficiency in Sport (REDs): a narrative review by a subgroup of the IOC consensus on REDs. British journal of sports medicine57(17), 1119–1126. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-106932. 80Dave, S. C., & Fisher, M. (2022). Relative energy deficiency in sport (RED – S). Current problems in pediatric and adolescent health care52(8), 101242. https://doi.org/10.1016/j.cppeds.2022.101242.:

  • Sportmedizin – zur medizinischen Überwachung und Trainingssteuerung,
  • Ernährungsberatung (spezialisiert auf Sporternährung) – zur gezielten Anpassung der Energiezufuhr und Makronährstoffverteilung sowie
  • Psychologie oder Psychotherapie – um mögliche Essstörungen, Körperbildprobleme oder Leistungsdruck zu adressieren.

Langfristig geht es nicht nur darum, die alte Leistungsfähigkeit wiederzuerlangen, sondern auch darum, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Training, Ernährung und Erholung zu finden – die eigentliche Grundlage nachhaltiger sportlicher Stärke. Fazit: Höre auf deinen Körper, denn er ist kein unendlicher Motor.

Fazit: Dein Körper läuft nicht endlos auf Reserve

REDs ist kein Zeichen von Schwäche, sondern das Resultat eines biologischen Ungleichgewichts. Es zeigt, dass der Körper im „Energiesparmodus“ überleben will, weil ihm der Treibstoff für Training, Regeneration und die eigene Gesundheit fehlt.

Das Bewusstsein für dieses Syndrom ist nach wie vor erschreckend gering – nicht nur unter Athletinnen und Athleten, sondern auch unter Trainern, Eltern und medizinischem Fachpersonal. Eine systematische Überprüfung reiner Aufklärungsprogramme zeigte beispielsweise, dass diese das Ernährungswissen zwar verbessern, aber oft nicht ausreichen, um das Verhalten der Athleten nachhaltig zu ändern81DeJong Lempke, A. F., Reece, L. M., & Whitney, K. E. (2025). Nutrition educational interventions for athletes related to low energy availability: A systematic review. PloS one, 20(2), e0314506. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0314506.. Trotz der inzwischen klar definierten Begriffe der „Female Athlete Triad“ und von REDs herrscht in der Praxis häufig noch Unsicherheit darüber, was die beiden Konzepte umfasst und wie sie voneinander abzugrenzen sind. Dabei ist REDs kein Randthema des Spitzensports, sondern ein reales Risiko für alle, die intensiv trainieren und gleichzeitig zu wenig Energie zuführen.

Wichtig ist auch: Symptome wie permanente Erschöpfung, Leistungseinbrüche oder eine ausbleibende Periode sind keine typische Trainingsanpassung und auch kein Zeichen dafür, „alles richtig“ zu machen. Nur weil viele Betroffene sie erleben, werden sie nicht „normal“. Solche Warnzeichen sind kein Ausdruck von Disziplin, sondern ein klares Signal, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dein Körper braucht jetzt Unterstützung statt noch mehr Belastung.

Essen ist nicht der Feind. Es ist dein wichtigster Verbündeter, um stark, gesund und leistungsfähig zu bleiben – heute und langfristig. Wenn du merkst, dass du allein nicht weiterkommst, hole dir Unterstützung, z. B. bei Sportärzten, Ernährungsfachkräften oder Psychologen, die mit Athletinnen und Athleten arbeiten.

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Alicia Kaleta

Alicia Kaleta, B.Sc. Ökotrophologie & B.Sc. Wirtschaftspsychologie, ist Masterstudentin im Studiengang Health Sciences an der HAW Hamburg. Neben ihrer Leidenschaft für wissenschaftliche Ernährungs- und Gesundheitsforschung teilt sie auf figurbetont.de praxisnahe, fundierte Inhalte zu Ernährung, Training und mentaler Gesundheit. (ResearchGate)

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