Dein Darm trainiert mit: Mehr Muskelkraft dank Darmbakterien?

Von Alicia Kaleta
Aktualisiert am:

Kurz & knapp

  • Eine aktuelle Studie identifiziert Roseburia inulinivorans als wichtigen Modulator der Muskelkraft, was neue Perspektiven auf die Darm-Muskel-Achse eröffnet.
  • Die Forschung zeigt, dass eine hohe Präsenz von R. inulinivorans mit verbesserter Muskelkraft bei älteren und jüngeren Erwachsenen korreliert.
  • In der Studie wird die Bakterienzusammensetzung untersucht und es werden Kausalitätstests im Mausmodell durchgeführt. Dabei zeigt R. inulinivorans die stärksten positiven Effekte.
  • Die Ergebnisse lassen auf eine komplexe Wechselwirkung zwischen R. inulinivorans und der Muskulatur schließen, die nicht über den Butyratspiegel erklärt wird.
  • Zukünftige Forschung sollte sich auf klinische Studien konzentrieren, um die Rolle von R. inulinivorans in der Muskelkraft zu validieren.

Eine aktuelle Studie des Fachjournals „Gutidentifiziert Roseburia inulinivorans als speziesspezifischen Modulator der Muskelkraft und eröffnet damit neue Perspektiven auf die sog. Darm-Muskel-Achse.

Stell dir vor, du trainierst seit Wochen konsequent, schläfst gut und isst ausreichend Protein, aber deine Kraft stagniert trotzdem. Was, wenn ein Teil der Lösung nicht im Kraftraum, sondern in deinem Darm liegt? Das klingt zunächst absurd. Doch eine im März 2026 im renommierten Fachjournal Gut publizierte Studie von Martinez-Tellez et al. liefert bemerkenswert konkrete Hinweise auf genau diese Hypothese.

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Dabei geht es nicht um das Mikrobiom im Allgemeinen – diese breite Aussage hätte wenig Nachrichtenwert –, sondern um eine ganz bestimmte Spezies: Roseburia inulinivorans. Die Forschungsgruppe aus den Niederlanden und Spanien hat etwas herausgefunden, das methodisch aufwendig, biologisch überraschend und klinisch noch lange nicht ausgereift ist. Aber es ist einen genauen Blick wert.

Das Fundament: die Darm-Muskel-Achse

Bevor wir zur Studie kommen, werfen wir einen kurzen Blick auf den größeren Kontext. Die Idee, dass Darmbakterien auf die Muskulatur einwirken können, ist nicht neu. In den letzten Jahren hat sich das Konzept der sog. Darm-Muskel-Achse etabliert. Dabei handelt es sich um einen bidirektionalen Kommunikationsweg – also eine Art „Zwei-Wege-Verbindung“ –, über den mikrobielle Metaboliten (Stoffwechselprodukte von Darmbakterien), Immunsignale und hormonelle Botenstoffe zwischen Darm und Skelettmuskulatur vermittelt werden.

Mehrere systematische Reviews konnten inzwischen zeigen, dass Menschen mit Sarkopenie, also dem altersbedingten Verlust von Muskelmasse und -funktion, charakteristische Veränderungen ihres Darmmikrobioms aufweisen. Besonders auffällig ist der konsistente Rückgang von Butyrat produzierenden Bakterien, also solchen, die die kurzkettige Fettsäure Butyrat bilden1Mayer, M. H., Woldemariam, S., Gisinger, C., & Dorner, T. E. (2024). Association of Gut Microbiome with Muscle Mass, Muscle Strength, and Muscle Performance in Older Adults: A Systematic Review. International journal of environmental research and public health21(9), 1246. https://doi.org/10.3390/ijerph21091246. 2Wang, G., Li, Y., Liu, H., & Yu, X. (2025). Gut microbiota in patients with sarcopenia: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in microbiology16, 1513253. https://doi.org/10.3389/fmicb.2025.1513253.. Butyrat wirkt unter anderem entzündungshemmend und unterstützt die Darmgesundheit. Zu diesen Bakterien gehört auch die Gattung Roseburia3Kalkan, A. E., BinMowyna, M. N., Raposo, A., Ahmad, M. F., Ahmed, F., Otayf, A. Y., Carrascosa, C., Saraiva, A., & Karav, S. (2025). Beyond the Gut: Unveiling Butyrate's Global Health Impact Through Gut Health and Dysbiosis-Related Conditions: A Narrative Review. Nutrients17(8), 1305. https://doi.org/10.3390/nu17081305..

Eine koreanische Studie von Ahn et al. (2024) lieferte darüber hinaus in einem FMT-Mausmodell kausale Hinweise darauf, dass bestimmte Darmbakterien Muskelkraft beeinflussen können. Dies wurde durch humane fäkale Mikrobiomtransplantationen – also die Übertragung von Darmbakterien aus menschlichen Stuhlproben – in Mäuse nachgewiesen4Ahn, J. S., Koo, B. C., Choi, Y. J., Jung, W. W., Kim, H. S., Lee, S. J., Hong, S. T., & Chung, H. J. (2024). Identification of Muscle Strength-Related Gut Microbes through Human Fecal Microbiome Transplantation. International journal of molecular sciences25(1), 662. https://doi.org/10.3390/ijms25010662..

Die Richtung der Evidenz war also klar, doch welche konkrete Spezies genau verantwortlich war, blieb offen.

Die neue Studie: Was wurde untersucht?

Borja Martinez-Tellez et al. gingen dieser Frage mit einem dreiteiligen Ansatz nach.

1. Mikrobiomanalysen am Menschen

Dazu analysierten sie die Bakterienzusammensetzung von Fäkalproben (Stuhlproben) von 90 jungen Erwachsenen (18–25 Jahre) und 33 älteren Erwachsenen (ab 65 Jahren). Gleichzeitig wurden bei den älteren Erwachsenen die Handgriffkraft und die VO₂peak erfasst, bei den jungen Erwachsenen zusätzlich die Beinpresse- und die Bankdrückkraft.

2. Kausalitätstest im Mausmodell

Um von einer bloßen Korrelation zur Kausalität zu gelangen, erhielten 32 Mäuse nach einer Antibiotikabehandlung zur gezielten Reduktion ihres Darmmikrobioms über acht Wochen verschiedene Roseburia-Spezies oral verabreicht.
Konkret erhielten sie R. inulinivorans, R. faecis, R. intestinalis oder ein Kontrollpräparat.

3. Metabolomik

Gezielte und ungezielte Metabolomanalysen, also Untersuchungen der im Körper vorhandenen kleinen Stoffwechselprodukte, wurden im Caecuminhalt (Blinddarm), im Blutplasma und im Skelettmuskelgewebe durchgeführt, um die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen besser zu verstehen.

Die Ergebnisse: Speziesspezifisch und überraschend

Der zentrale Befund ist bemerkenswert präzise: Unter den untersuchten Roseburia-Spezies zeigte R. inulinivorans die konsistentesten positiven Assoziationen mit Muskelkraft.

Ältere Erwachsene, bei denen R. inulinivorans im Stuhl nachgewiesen werden konnte, hatten im Durchschnitt eine um 29 % höhere Handgriffkraft als jene ohne diesen Keim, jedoch keinen parallelen Anstieg der kardiorespiratorischen Fitness, also der Ausdauerleistungsfähigkeit. Dies deutet auf einen muskelspezifischen Effekt hin.

Bei jungen Erwachsenen korrelierte eine höhere Abundanz (also der Anteil bzw. die relative Menge) des Bakteriums dagegen signifikant mit der Handgriff-, Beinpresse- und Bankdrückkraft sowie mit der maximalen bzw. spitzen Sauerstoffaufnahme (VO₂peak).

Die konsistentesten Zusammenhänge zeigten sich dabei für R. inulinivorans. Für die anderen Roseburia-Spezies ergab sich kein vergleichbares Gesamtbild: Während R. faecis und R. hominis keine relevanten Assoziationen zeigten, war R. intestinalis bei jungen Erwachsenen zwar ebenfalls mit Beinpresse- und Bankdrückkraft assoziiert, jedoch nicht mit Handgriffkraft oder VO₂peak.

Im Mausmodell untermauerten die Ergebnisse dieses Bild: Mäuse, die R. inulinivorans erhielten, steigerten ihre Greifkraft innerhalb von vier Wochen um rund 30 % – ein Effekt, der auch in der sechsten und achten Woche bestehen blieb. Die anderen Spezies bewirkten keine vergleichbare Veränderung.

Die folgenden Zusammenhänge lassen sich vereinfacht in einer schematischen Darstellung zusammenfassen:

Darm-Muskel-Achse Roseburia
Wie ein Darmbakterium mit Muskelkraft zusammenhängen könnte (vereinfacht dargestellt).

Die Grafik veranschaulicht die zentralen Ergebnisse der Studie: Roseburia inulinivorans war mit einer höheren Muskelkraft assoziiert und ging mit Veränderungen im Muskelstoffwechsel einher. Dazu zählt unter anderem die Aktivierung energie- und wachstumsrelevanter Prozesse. Dabei handelt es sich um eine vereinfachte Darstellung möglicher Zusammenhänge und nicht um einen direkt bewiesenen Mechanismus.

Auf Gewebeebene (histologisch, also unter dem Mikroskop) wiesen die Skelettmuskeln dieser Tiere größere Muskelfaserquerschnitte sowie eine Verschiebung hin zu Typ-II-Fasern (sog. „Fast-Twitch“-Fasern, die vor allem für schnelle, explosive Kraftleistungen verantwortlich sind) auf.

Der Mechanismus: Nicht das, was man erwartet hat

Hier wird es besonders interessant – und zugleich komplex. Roseburia-Spezies sind bekannte Butyratproduzenten. Butyrat ist eine kurzkettige Fettsäure, die entzündungshemmend wirkt, die Darmschleimhaut schützt und metabolisch vorteilhafte Eigenschaften hat. Die naheliegende Vermutung war, dass der Krafteffekt über mehr Butyrat läuft.

Diese Hypothese bestätigte sich jedoch nicht. Die Butyratspiegel im Caecum (Blinddarm) blieben in allen Gruppen vergleichbar. Stattdessen stellten die Forscher fest, dass R. inulinivorans die Konzentrationen verschiedener Aminosäuren im Caecum und im Plasma deutlich reduzierte, darunter Methionin, Leucin, Isoleucin, Alanin, Valin und Lysin. Das Bakterium scheint im Darm intensiv mit dem Wirt, also dem jeweiligen Organismus, um verfügbare Aminosäuren zu konkurrieren.

Auf den ersten Blick klingt das paradox: Weniger Aminosäuren für die Muskeln, aber mehr Muskelkraft? Die Autoren interpretieren dies als mögliche kompensatorische Anpassung des Organismus: Sind im Blut weniger Aminosäuren verfügbar, könnte der Körper deren Nutzung gezielter auf metabolisch wichtige Gewebe wie den Skelettmuskel lenken.

Gleichzeitig war R. inulinivorans im Muskelgewebe mit einer Aktivierung des Purinstoffwechsels und des Pentosephosphatwegs (PPP) assoziiert. Diese beiden zentralen Stoffwechselwege sind unter anderem für die Bildung von Nukleotiden (Bausteine der DNA), die Aufrechterhaltung der zellulären Redoxbalance (Gleichgewicht zwischen oxidativen und antioxidativen Prozessen) sowie die Energieproduktion wichtig. Damit könnten sie Prozesse wie Muskelwachstum und -reparatur unterstützen.

Diese Befunde passen zu früheren Beobachtungen, wonach eine Überexpression bzw. erhöhte Aktivität des geschwindigkeitsbestimmenden PPP-Enzyms Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase bei alternden Mäusen mit einer verzögerten Gebrechlichkeitsentwicklung sowie geringeren Hinweisen auf Muskelschäden einherging5Arc-Chagnaud, C., Salvador-Pascual, A., Garcia-Dominguez, E., Olaso-Gonzalez, G., Correas, A. G., Serna, E., Brioche, T., Chopard, A., Fernandez-Marcos, P. J., Serrano, M., Serrano, A. L., Muñoz-Cánoves, P., Sebastiá, V., Viña, J., & Gomez-Cabrera, M. C. (2021). Glucose 6-P dehydrogenase delays the onset of frailty by protecting against muscle damage. Journal of cachexia, sarcopenia and muscle12(6), 1879–1896. https://doi.org/10.1002/jcsm.12792..

Das passt auch genomisch ins Bild: R. inulinivorans ist innerhalb der Gattung Roseburia insofern besonders, als es keinen Harnstoff als Stickstoffquelle nutzen kann und auf einen ungewöhnlichen Lysin-Biosyntheseweg angewiesen ist. Dies deutet darauf hin, dass sich R. inulinivorans in seinem Stickstoff- und Aminosäurestoffwechsel von anderen Roseburia-Arten unterscheidet und möglicherweise besonders sensibel auf die Verfügbarkeit von Nährstoffen im Darm reagiert6Hillman, E. T., Kozik, A. J., Hooker, C. A., Burnett, J. L., Heo, Y., Kiesel, V. A., Nevins, C. J., Oshiro, J. M. K. I., Robins, M. M., Thakkar, R. D., Wu, S. T., & Lindemann, S. R. (2020). Comparative genomics of the genus Roseburia reveals divergent biosynthetic pathways that may influence colonic competition among species. Microbial genomics6(7), mgen000399. https://doi.org/10.1099/mgen.0.000399..

Der Altersaspekt: Rückgang im Alter

Ein weiterer klinisch relevanter Befund ist, dass R. inulinivorans bei älteren Erwachsenen signifikant seltener nachweisbar war als bei jungen Menschen – sowohl in den eigenen Kohorten als auch in öffentlich zugänglichen metagenomischen Datensätzen (große Datensammlungen zur genetischen Analyse von Mikrobiomen; 3.512 Proben aus der Ressource „curatedMetagenomicData“).

Im umfangreichen Lifelines-Kohortendatensatz mit über 8.000 Teilnehmern war dieser Trend ähnlich erkennbar, erreichte jedoch keine statistische Signifikanz, d. h., der Unterschied war zwar sichtbar, ging aber nicht eindeutig über Zufallsschwankungen hinaus. Auch eine begleitende Meta-Analyse (Zusammenfassung mehrerer Studien) ergab insgesamt keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Erwachsenen und älteren Personen, zeigte jedoch einen Trend zu niedrigeren Werten bei älteren Erwachsenen.

Festzuhalten bleibt dennoch: Das Muster ist konsistent genug, um die Frage aufzuwerfen, ob der altersbedingte Rückgang von R. inulinivorans in eine Phase fällt, in der auch das Risiko für Sarkopenie merklich steigt. Diese Gleichzeitigkeit beweist zwar keine Ursache-Wirkungs-Beziehung, macht den Zusammenhang aber zu einer ernstzunehmenden Hypothese, die weitere Forschung rechtfertigt.

Limitationen: Was die Studie nicht beantwortet

Die Autoren zählen die Schwachstellen ihrer Arbeit selbst auf – ein Zeichen wissenschaftlicher Redlichkeit.

Erstens: Die Humandaten sind querschnittlich, d. h. sie wurden zu einem Zeitpunkt erhoben und nicht über längere Zeit verfolgt. Daraus lässt sich nicht ableiten, ob eine höhere Abundanz von R. inulinivorans die Ursache oder die Folge besserer Muskelkraft ist. Zudem lässt sich aus den Humandaten nicht ableiten, ob eine höhere Abundanz von R. inulinivorans die Muskelkraft fördert oder ob körperlich fittere Menschen schlicht häufiger dieses Bakterium aufweisen. Fittere, körperlich aktivere Menschen könnten von Natur aus schlicht mehr von diesem Bakterium beherbergen. Ein sogenanntes Confounding (Verzerrung durch andere Einflussfaktoren, z. B. den Lebensstil) ist also möglich..

Zweitens: Das Mausmodell operierte unter künstlichen (artifiziellen) Bedingungen. Die Tiere wurden vorab mit Breitbandantibiotika behandelt, um ihr Darmmikrobiom stark zu reduzieren. Dieses Vorgehen schafft ein ökologisches „Vakuum“, das im gesunden menschlichen Darm so nicht existiert. Ob R. inulinivorans im intakten Mikrobiom dieselbe Wirkung entfalten würde, ist daher eine bislang ungeprüfte, aber plausible Annahme.

Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass die verwendeten menschlichen Roseburia-Stämme den Mäusedarm offenbar nicht dauerhaft kolonisierten. Das spricht dafür, dass die beobachteten Effekte eher durch transiente (vorübergehende) Signale als durch eine stabile Besiedelung ausgelöst wurden.

Drittens: Wichtige Signalwege, etwa Neuroinflammation (entzündliche Prozesse im Nervensystem) und neuromuskuläre Übertragung (Signalweiterleitung zwischen Nerv und Muskel), wurden nicht direkt untersucht.

Viertens: Die Kohorten (Teilnehmergruppen) sind mit 33 älteren und 90 jungen Erwachsenen verhältnismäßig klein, was die Übertragbarkeit (Generalisierbarkeit) der Ergebnisse einschränkt.

Einordnung: Wo steht die Forschung?

Die neue Studie ist ein wichtiger Schritt in einem Forschungsfeld, das zwar wächst, aber noch erhebliche Lücken aufweist. Zwar zeigen zahlreiche Studien Zusammenhänge zwischen dem Darmmikrobiom, der Muskelmasse und der körperlichen Funktion, insbesondere bei älteren Erwachsenen7Barry, D. J., Wu, S. S. X., & Cooke, M. B. (2024). The Relationship Between Gut Microbiota, Muscle Mass and Physical Function in Older Individuals: A Systematic Review. Nutrients17(1), 81. https://doi.org/10.3390/nu17010081.. Doch bleibt unklar, ob diese kausal sind und inwieweit gezielte Interventionen tatsächlich wirksam sind. Bislang existieren keine klinischen Interventionsstudien, die die Auswirkungen einer oralen Supplementierung mit R. inulinivorans beim Menschen systematisch untersuchen. Das Bakterium ist derzeit auch nicht als Probiotikum kommerziell verfügbar.

Bemerkenswert ist, dass frühere Studien gezeigt haben, dass sechs Wochen Krafttraining bei jungen, adipösen Erwachsenen mit einer höheren Abundanz der Roseburia-Gattung einhergingen8Cullen, J. M. A., Shahzad, S., Kanaley, J. A., Ericsson, A. C., & Dhillon, J. (2024). The effects of 6 wk of resistance training on the gut microbiome and cardiometabolic health in young adults with overweight and obesity. Journal of applied physiology (Bethesda, Md. : 1985)136(2), 349–361. https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00350.2023. Dies deutet auf einen möglichen Rückkopplungskreislauf hin. Bewegung fördert bestimmte Darmbakterien, die wiederum Trainingsanpassungen im Muskel begünstigen könnten. Dies ist ein potenziell positiver Kreislauf, stellt jedoch zugleich eine methodische Herausforderung für Beobachtungsstudien dar, da Ursache und Wirkung schwer zu trennen sind.

Die Tatsache, dass R. inulinivorans bei Personen mit Sarkopenie in signifikant geringerer Menge vertreten war9Ticinesi, A., Mancabelli, L., Tagliaferri, S., Nouvenne, A., Milani, C., Del Rio, D., Lauretani, F., Maggio, M. G., Ventura, M., & Meschi, T. (2020). The Gut-Muscle Axis in Older Subjects with Low Muscle Mass and Performance: A Proof of Concept Study Exploring Fecal Microbiota Composition and Function with Shotgun Metagenomics Sequencing. International journal of molecular sciences21(23), 8946. https://doi.org/10.3390/ijms21238946. und in der Diskussion der Gut-Studie zudem weitere Zustände mit verringerter Roseburia-Abundanz, darunter Zerebralparese, Anorexia nervosa und Brustkrebs, genannt werden, verleiht den Befunden zusätzliche klinische Plausibilität. Direkte mechanistische Evidenz ersetzt dies jedoch nicht.

Doch entscheidend bleibt: Assoziation ist kein Mechanismus.

Was können wir mitnehmen?

Auf Basis dieser Studie sind direkte Handlungsempfehlungen verfrüht. Ein R. inulinivorans-Supplement ist weder erhältlich noch klinisch validiert. Wer jetzt anfängt, Bakteriensupplemente in der Hoffnung auf mehr Bizeps einzunehmen, handelt nicht auf Grundlage der aktuellen Evidenz.

Was sich aber ableiten lässt:

1. Das Mikrobiom ist kein Beobachter, sondern ein Mitspieler: Die Vorstellung, Darmgesundheit und Muskelgesundheit als zwei getrennte Systeme zu betrachten, ist überholt. Die Darm-Muskel-Achse ist real, auch wenn wir ihre genauen Mechanismen erst allmählich verstehen.

2. Ballaststoffreiche Ernährung bleibt die solideste Grundlage: Eine ballaststoffreiche Ernährung gilt allgemein als förderlich für butyratbildende Darmbakterien, zu denen auch die Gattung Roseburia gehört. Fermentierbare Ballaststoffe wie Inulin, die von Darmbakterien verwertet werden können, kommen natürlicherweise in Lebensmitteln wie Chicorée, Zwiebeln, Knoblauch, Topinambur und Lauch vor.

Wer sich ballaststoffreich ernährt, schafft somit günstige Bedingungen für eine Roseburia-freundliche Darmflora. Ob sich R. inulinivorans beim Menschen jedoch gezielt über bestimmte Ballaststoffe fördern lässt, ist durch die vorliegenden Daten noch nicht belegt.

3. Bewegung wirkt in beide Richtungen: Krafttraining verändert das Mikrobiom – und das Mikrobiom könnte wiederum Trainingsanpassungen beeinflussen. Dies ist jedoch kein Argument dafür, Training durch Probiotika zu ersetzen, sondern ein Argument dafür, beide Faktoren ernst zu nehmen.

4. Die Befunde sind ein Auftrag an die klinische Forschung: Der nächste notwendige Schritt sind randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien beim Menschen mit klar definierten Dosierungen, ausreichend langen Beobachtungszeiträumen und relevanten Muskelparametern (z. B. Kraft oder Muskelmasse).

Bis dahin bleibt R. inulinivorans ein hochinteressanter Forschungskandidat, aber noch kein therapeutisches Werkzeug.

Fazit

Die Arbeit von Borja Martinez-Tellez et al. ist kein Beweis dafür, dass ein Darmbakterium Krafttraining ersetzt. Sie ist jedoch ein sauber durchgeführter und mechanistisch aufschlussreicher Hinweis darauf, dass der Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Muskelkraft spezifischer – und somit greifbarer – ist als bislang angenommen.

Roseburia inulinivorans tritt aus dem anonymen Hintergrundrauschen des Mikrobioms hervor und erhält ein eigenes Profil. Das ist in der Mikrobiomforschung, die lange unter dem Ruf eher unspezifischer Befunde litt, keine Kleinigkeit.

Ob sich daraus irgendwann eine nutzbare Intervention entwickeln lässt, bleibt Aufgabe zukünftiger Forschung. Das „Darm-Muskel-Gespräch“ hat gerade erst begonnen – und klingt vielversprechender denn je.

Foto des Autors

Alicia Kaleta

Alicia Kaleta, B.Sc. Ökotrophologie & B.Sc. Wirtschaftspsychologie, ist Masterstudentin im Studiengang Health Sciences an der HAW Hamburg. Neben ihrer Leidenschaft für wissenschaftliche Ernährungs- und Gesundheitsforschung teilt sie auf figurbetont.de praxisnahe, fundierte Inhalte zu Ernährung, Training und mentaler Gesundheit. (ResearchGate)

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