Gesunde Ernährung neu gedacht? Vergleich USA vs. Deutschland

Von Alicia Kaleta
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Kurz & knapp

  • Die neuen US-Ernährungsempfehlungen setzen kommunikativ stärker auf „Real Food“, hohe Proteinzufuhr und eine Aufwertung tierischer Produkte und Fette.
  • Die DGE-Empfehlungen verfolgen eine überwiegend pflanzenbetonte Ausrichtung, die Gesundheit, Prävention und ökologische Aspekte gemeinsam berücksichtigt.
  • Der zentrale Unterschied liegt weniger in einzelnen Nährstoffen als in der zugrunde liegenden Logik: einfache Leitbotschaften versus systemische, modellbasierte Abwägung.
  • Beim Thema Protein betonen die USA höhere Zielwerte breiter, während die DGE stärker nach Alter und Bedarf differenziert und die Qualität der Proteinquellen in den Vordergrund stellt.
  • Beim Thema Fett stehen in den USA „Natürlichkeit“ und Verarbeitungsgrad stärker im Fokus, während die DGE die Fettqualität und langfristige Präventionsziele priorisiert.
  • Für Verbraucher ist entscheidend, eine alltagstaugliche Ernährungsweise zu wählen, die langfristig umsetzbar ist und zentrale Risikofaktoren wie stark verarbeitete Produkte, Zucker und Alkohol reduziert.

Ernährungsempfehlungen sind mehr als nur Tabellen mit Grammangaben und Nährwerten. Sie spiegeln wider, wie eine Gesellschaft Gesundheit definiert und welche Prioritäten sie setzt. Lange Zeit schien es, als würden sich die westlichen Länder in diesen Fragen zunehmend annähern. Wissenschaftliche Studien, internationale Leitlinien und gemeinsame Präventionsziele sorgten für einen breiten Konsens darüber, was als „gesunde Ernährung“ gilt. Mit den neuen US-Ernährungsempfehlungen für 2025–2030 wird dieser Konsens in der öffentlichen Debatte sichtbar stärker infrage gestellt.

Die neuen „Dietary Guidelines for Americanswerden – nicht zuletzt durch ihre politische Rahmung – vielfach als Kurswechsel gegenüber früheren Leitlinien interpretiert1U.S. Department of Health and Human Services. (2025). Fact Sheet: Trump Administration Resets U.S. Nutrition Policy, Puts Real Food Back at the Center of Health. https://www.hhs.gov/press-room/fact-sheet-historic-reset-federal-nutrition-policy.html. 2U.S. Department of Agriculture (2026). Kennedy, Rollins Unveil Historic Reset of U.S. Nutrition Policy, Put Real Food Back at Center of Health. https://www.usda.gov/about-usda/news/press-releases/2026/01/07/kennedy-rollins-unveil-historic-reset-us-nutrition-policy-put-real-food-back-center-health.. Unter dem Slogan „Make America Healthy Again“ rücken „Real Food“, hohe Proteinmengen und tierische Fette in den Fokus, während stark verarbeitete Lebensmittel deutlich abgewertet werden. Rotes Fleisch, Vollmilch, Butter, Schmalz und sogar Rindertalg gelten in den neuen US-Ernährungsempfehlungen wieder ausdrücklich als akzeptable Lebensmittel bzw. Fette – eine Einstufung, die im Vergleich zu früheren US-Leitlinien in der öffentlichen Debatte vielfach als deutliche Neugewichtung verstanden wird3Mosbergen, D. (2026). New dietary guidelines urge people to eat more protein and fewer processed foods. Time. https://time.com/7344593/new-dietary-guidelines-protein-processed-foods/. 4CACFP (2026). 2025-2030 Dietary Guidelines for Americans Released. https://www.cacfp.org/2026/01/08/2025-2030-dietary-guidelines-for-americans-released/. 5Aleccia, J. (2026). Trump signs a law returning whole milk to school lunches. Associated Press. https://www.apnews.com/article/5572176286b322d844bb76d52906e2c7.. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber Ernährungsempfehlungen, die über Jahrzehnte als wissenschaftlicher Standard galten.

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Auch die DGE hat die neuen US-Empfehlungen offiziell eingeordnet. In ihrer Stellungnahme betont sie, dass die US-Darstellung teils andere Akzente setzt als viele europäische Empfehlungen und dass insbesondere die Gewichtung einzelner Lebensmittelgruppen und Botschaften kritisch diskutiert wird. Damit wird deutlich, dass es sich nicht nur um einen medialen Diskurs handelt, sondern um eine fachlich relevante Abweichung von etablierten europäischen Bewertungsansätzen.

Was sind diese europäischen Bewertungsansätze konkret?

In Europa – und insbesondere auch in Deutschland – verläuft die Entwicklung dagegen in eine andere Richtung6Aureli, V., Grant, F., Aguilar-Martínez, A., Brons, A., Fardet, A., Chang, B., Vespa, F., Kirschner, J., Kopczynska, E., Böröcz, L., Jacobsen, M., Ghukasyan, S., Manios, Y., Gwozdz, W., Antal, E., & Rossi, L. (2026). Dietary assessment and dietary guidelines across 11 European Union countries: A review from the PLAN’EAT project. Frontiers in Nutrition, 12, Article 1699036. https://doi.org/10.3389/fnut.2025.1699036.. Die im Jahr 2024 aktualisierten Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) setzen auf eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung7Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024). DGE-Empfehlungen: Gut essen und trinken. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-empfehlungen/.. Grundlage hierfür sind Modellrechnungen, die neben gesundheitlichen auch ökologische Aspekte berücksichtigen8Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024). Lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen der DGE. https://www.dge.de/wissenschaft/fbdg/.. Das Ergebnis: weniger Fleisch, mehr Hülsenfrüchte und mehr Pflanzenvielfalt – jedoch nicht als normatives Ziel, sondern als rechnerisches Ergebnis dessen, was langfristig Krankheiten vorbeugt und Ressourcen schont.

Während in den USA derzeit die Diskussion über Butter auf Toast und Rindertalg in der Pfanne wieder aufkommt, empfehlen europäische Leitlinien Linsen, Nüsse und Pflanzenöle. Damit stehen sich plötzlich zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von gesunder Ernährung gegenüber. Es geht nicht mehr nur um Details wie Fettanteile oder Proteinmengen, sondern um grundlegend verschiedene Denkansätze: intuitive Einfachheit versus systemische Planung, Rückgriff auf Bewährtes versus Anpassung an globale Herausforderungen wie Klimawandel und chronische Erkrankungen. Das ist kein Detail, sondern ein Paradigmenwechsel.

Der aktuelle Streit um Ernährungsempfehlungen ist kein Detailkonflikt über Nährstoffe, sondern Ausdruck unterschiedlicher Grundannahmen darüber, was Ernährung leisten soll – individuell, gesellschaftlich und global.

Warum ist das relevant? Weil Ernährungsempfehlungen das Leben von Millionen Menschen beeinflussen: ihren Alltag, ihre Gesundheit und ihre Entscheidungen im Supermarkt. Und weil sie mitentscheiden, wie belastbar Gesundheitssysteme sind und wie nachhaltig der Umgang mit begrenzten Ressourcen gelingt. Im Folgenden geht es um die Unterschiede zwischen den neuen US-Leitlinien und den DGE-Empfehlungen, die dahinterliegenden Motive sowie ihre konkrete Bedeutung für Verbraucher.

„Eat Real Food“ – was die USA jetzt anders machen

Die neuen US-Ernährungsempfehlungen beginnen mit einer zugespitzten Diagnose: Die Vereinigten Staaten stecken in einem Gesundheitsnotstand. Ein Großteil der Gesundheitsausgaben fließt in die Behandlung chronischer Erkrankungen, zudem gelten mehr als zwei Drittel der Erwachsenen als übergewichtig. Die politische Antwort ist bewusst einfach und eingängig: „Eat Real Food9Aleccia, J. (2026). New dietary guidelines urge Americans to avoid processed foods and added sugar. Associated Press. https://apnews.com/article/dietary-guidelines-health-agriculture-federal-nutrition-2d8fa56be3c5900fc45116af7c69d786..

Was auf den ersten Blick nach gesundem Menschenverstand klingt, ist weniger eine wissenschaftlich präzise Definition als ein kommunikatives Leitmotiv. „Real Food“ steht in den USA vor allem für die Abkehr von der sog. Standard American Diet, einer Ernährungsweise, die stark von hochverarbeiteten Produkten, Fertiggerichten und zuckerreichen Snacks geprägt ist10Grotto, D., & Zied, E. (2010). The Standard American Diet and its relationship to the health status of Americans. Nutrition in clinical practice : official publication of the American Society for Parenteral and Enteral Nutrition25(6), 603–612. https://doi.org/10.1177/0884533610386234. 11Rakhra, V., Galappaththy, S. L., Bulchandani, S., & Cabandugama, P. K. (2020). Obesity and the Western Diet: How We Got Here. Missouri medicine117(6), 536–538.. Dieses Ziel teilen viele Ernährungsexperten weltweit. Doch bei der Frage, was genau als „echt“ gilt, schlagen die neuen Leitlinien einen sehr eigenen Weg ein.

Tierische Produkte im Zentrum

In den neuen US-Ernährungsempfehlungen stehen tierische Produkte wieder stärker im Mittelpunkt. In den offiziellen Darstellungen nehmen Fleisch, Eier und Milchprodukte eine zentrale Rolle ein, während Getreide im Vergleich zu Gemüse, Obst und proteinreichen Lebensmitteln weniger stark betont wird (z. B. Vollkorn-Zielbereich von 2–4 Portionen/Tag). Tierische Proteinquellen werden dabei als natürlich, nährstoffdicht und sättigend dargestellt. Empfehlungen, tierische Produkte systematisch zu begrenzen oder primär über Austausch- und Ersatzlogiken (z. B. den Austausch von Vollfett- durch fettarme Produkte) zu steuern, treten gegenüber früheren Leitlinien deutlich in den Hintergrund.12U.S. Department of Health and Human Services, & U.S. Department of Agriculture (2025). The scientific foundation for the Dietary Guidelines for Americans, 2025–2030. https://cdn.realfood.gov/Scientific%20Report_1.8.26.pdf.

In der wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Einordnung wird diese Akzentverschiebung weniger als Ergebnis neuer Erkenntnisse verstanden, sondern vielmehr als veränderte Priorisierung in Tonlage und Kommunikation. Zwar bleiben zentrale quantitative Empfehlungen, etwa zur Begrenzung gesättigter Fettsäuren, formal bestehen, zugleich werden jedoch tierische Proteinquellen und Vollfett-Milchprodukte deutlicher aufgewertet. In der Fachdebatte wird vor allem die fehlende Differenzierung zwischen tierischen und pflanzlichen Protein- und Fettquellen als kritisch angesehen – ein Punkt, der sowohl in der wissenschaftlichen Einordnung als auch in der Analyse der Leitlinienkommunikation hervorgehoben wird13Mozaffarian D. The 2025-2030 Dietary Guidelines for Americans. JAMA. Published online January 14, 2026. doi:10.1001/jama.2026.0283. 14Roeder, A. (2026). Understanding the new Dietary Guidelines for Americans. Harvard T.H. Chan School of Public Health. https://hsph.harvard.edu/news/understanding-the-new-dietary-guidelines-for-americans/..

Diese Kritik spiegelt sich auch in der Einordnung der DGE wider: Sie weist darauf hin, dass die US-Kommunikation und die grafische Darstellung zentrale Akzente setzen, die aus europäischer Perspektive fachlich erklärungsbedürftig sind, insbesondere mit Blick auf die Gewichtung tierischer Lebensmittel.15Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) (2026). Neue Ernährungsempfehlungen der USA: Einordnung der DGE. https://www.dge.de/presse/meldungen/2026/neue-ernaehrungsempfehlungen-der-usa-einordnung-der-dge/.

„Natürlichkeit“ statt Nährstoffprofil

Auffällig ist zudem, dass die Bewertung von Lebensmitteln sich stark an der Art der Verarbeitung orientiert und weniger an ihrem konkreten Nährstoffprofil. So wird ein Steak häufig als „Real Food“ genannt, während die Leitlinien gleichzeitig eine Obergrenze für gesättigte Fettsäuren setzen. Dadurch entsteht eine Signalspannung: Die positive Rahmung natürlicher, tierischer Lebensmittel kann in der Praxis stärker wirken als die abstrakte Fettgrenze16Bolotnikova, M. (2026). The new food pyramid is lying to you. Vox. https://www.vox.com/future-perfect/474554/food-pyramid-dietary-guidelines-maha-protein.. Ein industriell hergestelltes Vollkornprodukt kann hingegen skeptisch betrachtet werden, allein weil es verarbeitet ist.

„Natürlichkeit“ wird so zum zentralen Qualitätsmerkmal – auch wenn ernährungsphysiologische Risiken ausgeblendet oder zumindest nachrangig behandelt werden. Das vereinfacht die Kommunikation, verschiebt aber die fachliche Bewertung von Lebensmitteln spürbar.

Abrechnung mit früheren Empfehlungen

Begleitet wird dieser Ansatz von einem deutlichen Misstrauen gegenüber früheren Ernährungsempfehlungen. In offiziellen Begleittexten und Stellungnahmen wird die Neuausrichtung wiederholt als „Reset“ oder „Korrektur“ dargestellt. Dabei wird der Anspruch erhoben, Ernährungsempfehlungen wieder stärker an „Real Food“ und gesundem Menschenverstand auszurichten. Damit wird implizit das Narrativ bedient, dass sich frühere Leitlinien zu stark an vereinfachten Modellen oder externen Interessen orientiert hätten und vom eigentlichen Ziel, der Förderung von Gesundheit, abgerückt seien17The White House (2026). WHAT THEY ARE SAYING: Trump Administration Puts Real Food First in Dietary Guidelines. https://www.whitehouse.gov/articles/2026/01/what-they-are-saying-trump-administration-puts-real-food-first-in-dietary-guidelines/..

Wichtig ist dabei die Einordnung: Diese Kritik ist Teil der politischen Rahmung der neuen Empfehlungen und stellt keine wissenschaftliche Neubewertung der bisherigen Evidenzbasis dar. Vielmehr positionieren sich die neuen Leitlinien kommunikativ als bewusster Gegenentwurf zu früheren Ernährungsempfehlungen.

Für viele Menschen wirkt das befreiend: endlich klare Aussagen, endlich einfache Regeln, endlich weg von komplizierten Nährstoffdebatten. Genau darin liegt ihre kommunikative Stärke – und zugleich ein zentraler Kritikpunkt.

Ein einfacher Slogan wirft viele Fragen auf: „Real Food“ trifft einen wunden Punkt, denn viele Menschen essen zu viele hochverarbeitete Lebensmittel (Ultra-Processed Foods, UPF), also Produkte, die stark industriell zusammengesetzt sind und oft viel Zucker, Fett, Salz und Zusatzstoffe enthalten. Gleichzeitig wird in den US-Leitlinien „natürlich“ teils höher gewichtet als die Frage, welche Fettqualität und welche Nährstoffprofile langfristig wirklich schützen18Monteiro, C. A., Cannon, G., Levy, R. B., Moubarac, J. C., Louzada, M. L., Rauber, F., Khandpur, N., Cediel, G., Neri, D., Martinez-Steele, E., Baraldi, L. G., & Jaime, P. C. (2019). Ultra-processed foods: what they are and how to identify them. Public health nutrition22(5), 936–941. https://doi.org/10.1017/S1368980018003762..

Der deutsche Gegenentwurf: Warum die DGE auf Pflanzenvielfalt setzt

Ganz anders fällt der Ansatz in Deutschland aus. Die im Jahr 2024 aktualisierten Empfehlungen der DGE basieren nicht primär auf eingängigen Schlagworten, sondern auf umfangreichen Modellrechnungen19Schäfer, A. C., Boeing, H., Conrad, J., & Watzl, B. (2024). Wissenschaftliche Grundlagen der lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen für Deutschland: Methodik und Ableitungskonzepte. Ernährungs Umschau, 71(3), M158–M166.e5–e7. https://doi.org/10.4455/eu.2024.009. 20Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024). Lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen der DGE. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/faq/lebensmittelbezogene-ernaehrungsempfehlungen-dge/.. Ziel war es, eine Ernährungsweise abzuleiten, die den Nährstoffbedarf deckt, gesundheitsfördernd ist und zugleich die Umweltbelastung reduziert – ohne die üblichen Essgewohnheiten völlig auszublenden.

Pflanzenbetont als rechnerisches Ergebnis

Das Ergebnis dieser Berechnungen ist eine deutlich pflanzenbetonte Ernährung: Mehr als drei Viertel der empfohlenen Lebensmittel stammen aus pflanzlichen Quellen, während tierische Produkte eine ergänzende Rolle spielen21Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). (2024). DGE Ernährungskreis – Öle und Fette. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-ernaehrungskreis/.. Entscheidend ist, was diese Gewichtung nicht ist: Sie ist weder ein ideologisches Statement gegen Fleisch noch ein Aufruf zum vollständigen Verzicht.

Vielmehr handelt es sich um das rechnerische Ergebnis, das entsteht, wenn die Aspekte Gesundheit, Prävention und ökologische Belastungsgrenzen gemeinsam berücksichtigt werden. Sobald Faktoren wie Treibhausgasemissionen, Flächenverbrauch und Krankheitsrisiken in die Bewertung einfließen, werden pflanzliche Lebensmittel im Modell in der Regel günstiger bewertet – sowohl gesundheitlich als auch ökologisch.

Gesundheit und Umwelt gemeinsam gedacht

Die DGE verfolgt damit einen Ansatz, der die menschliche Gesundheit und die Umwelt nicht getrennt voneinander betrachtet. Aus dieser Perspektive kann eine Ernährung, die langfristig hohe Emissionen verursacht und Ressourcen übernutzt, nicht dauerhaft gesund sein – weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft.22Umweltbundesamt (2024). Nachhaltige Ernährung konkret: Mit den neuen Empfehlungen der DGE auch für die „planetare Gesundheit“ sorgen (Fact Sheet). https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/421/publikationen/2024-05-16_fact_sheet_neue-fbdg-der-dge_finalkorr.pdf.

Hier zeigt sich der grundlegende Unterschied in der Denkweise. Die US-Leitlinien setzen auf intuitive Verständlichkeit und emotionale Bilder: echtes Essen, einfache Regeln, Rückbesinnung auf Traditionen. Die DGE verfolgt hingegen einen datengetriebenen, systemischen Ansatz, der methodisch stärker über Modellannahmen und Zielkonflikte (Gesundheit/Umwelt/Essgewohnheiten) nachvollziehbar gemacht wird. Während die USA in der Ernährungspolitik eher auf die Vergangenheit blicken, richtet Deutschland den Fokus auf zukünftige Herausforderungen – von chronischen Erkrankungen bis zur Klimakrise.

Lebensmittelgruppen im Vergleich: USA vs. DGE (vereinfacht)

Bevor wir auf einzelne Streitpunkte wie Protein oder Fett eingehen, lohnt es sich, einen kurzen Blick darauf zu werfen, wie die beiden Leitlinien die Lebensmittelgruppen grundsätzlich gewichten und in welchen Mengen sie vorgesehen sind. Die Angaben beziehen sich grob auf einen Tagesbedarf von etwa 2.000 kcal und dienen lediglich der Orientierung. Sie stellen keinen exakten Ernährungsplan dar.

LebensmittelgruppeUSA (US-DGA 2025–2030)Deutschland (DGE)
Gemüse & Obstca. 5 Portionen/Tagmind. 5 Portionen/Tag („5 am Tag“)
Getreide & Getreideprodukte2–4 Portionen/Tag, Vollkorn empfohlen, aber weniger betontca. 5 Portionen/Tag, davon mind. 1/3 Vollkorn
Proteinreiche Lebensmittelvielfältige Quellen; starke Betonung tierischer Proteineüberwiegend pflanzliche Proteinquellen, tierische ergänzend
Milch & Alternativenca. 3 Portionen/Tag; Vollfettprodukte ausdrücklich akzeptiertca. 2 Portionen/Tag; fettärmere Varianten als Option, pflanzliche Alternativen möglich
Fleisch & WurstTeil der Proteingruppe; keine explizite Mengenobergrenzemax. ca. 300 g/Woche („weniger ist mehr“)
Fette & Ölepflanzliche Öle priorisiert; Butter und Talg als mögliche Optionenpflanzliche Öle bevorzugt (z. B. Rapsöl); tierische Fette zurückhaltend
Süßes & Zuckermöglichst vermeiden bzw. stark begrenzenselten, kleine Mengen
Alkoholweniger ist besseram besten gar nicht

Die Tabelle zeigt keine Gegensätze im Sinne von „richtig“ oder „falsch“, sondern unterschiedliche Schwerpunkte in der Gewichtung von Lebensmittelgruppen und in der zugrunde liegenden Ernährungslogik.

Mehr Protein – aber für wen eigentlich?

Protein Lebensmittel
Protein im Fokus: Fleisch, Geflügel, Fisch und Eier gewinnen in den US-Empfehlungen an Bedeutung (© africaimages / Envato)

Kaum ein Thema trennt die neuen US-Ernährungsempfehlungen und die DGE so deutlich wie die Frage nach der richtigen Proteinmenge. Protein gilt als modern, leistungsfördernd und sättigend – und genau diese Narrative greifen die USA auf. In den neuen US-Leitlinien wird als Protein-Zielbereich häufig ein Bereich von 1,2 bis 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht (KG) und Tag genannt – mit Anpassung an den individuellen Kalorienbedarf. Für körperlich aktive Menschen wird eher das obere Ende dieses Bereichs (ca. 1,4–1,6 g/kg KG/Tag) betont23Harvard T.H. Chan School of Public Health (2026). Dietary Guidelines for Americans 2025–2030: What you need to know. https://nutritionsource.hsph.harvard.edu/2026/01/09/dietary-guidelines-for-americans-2025-2030.. Damit entfernen sie sich deutlich vom bisherigen Referenzwert von 0,8 g je Kilogramm Körpergewicht, der über Jahrzehnte hinweg als ausreichend galt.

Begründet wird dieser Schritt mit mehreren Argumenten: Protein soll den Erhalt der Muskelmasse unterstützen, den Stoffwechsel fördern und durch seine Sättigungswirkung Übergewicht entgegenwirken24U.S. Department of Health and Human Services, & U.S. Department of Agriculture. (2025). Scientific report appendices for the Dietary Guidelines for Americans, 2025–2030. https://cdn.realfood.gov/Scientific%20Report%20Appendices_1.8.26.pdf.. Gerade in einer Gesellschaft mit hoher Adipositasrate klingt das zunächst plausibel. Problematisch wird diese Empfehlung jedoch, wenn nicht differenziert wird, für wen sie eigentlich gedacht ist.

Wer tatsächlich profitiert – und wer nicht

Tatsächlich profitieren vor allem bestimmte Gruppen von einer höheren Proteinzufuhr: ältere Menschen, bei denen altersbedingter Muskelabbau eine Rolle spielt, sowie leistungsorientierte Sportler25Nunes, E. A., Colenso-Semple, L., McKellar, S. R., Yau, T., Ali, M. U., Fitzpatrick-Lewis, D., Sherifali, D., Gaudichon, C., Tomé, D., Atherton, P. J., Robles, M. C., Naranjo-Modad, S., Braun, M., Landi, F., & Phillips, S. M. (2022). Systematic review and meta-analysis of protein intake to support muscle mass and function in healthy adults. Journal of cachexia, sarcopenia and muscle13(2), 795–810. https://doi.org/10.1002/jcsm.12922.. Für den durchschnittlichen, überwiegend sitzenden Erwachsenen mittleren Alters ist eine Zufuhr von 1,6 g pro Kilogramm Körpergewicht dagegen keineswegs zwingend notwendig – und nicht automatisch vorteilhaft26EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (2012). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for protein. EFSA Journal, 10(2), 2557. https://doi.org/10.2903/j.efsa.2012.2557. 27Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (o. J.). Ausgewählte Fragen und Antworten zu Protein und unentbehrlichen Aminosäuren. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/faq/ausgewaehlte-fragen-und-antworten-zu-protein-und-unentbehrlichen-aminosaeuren/..

Ein oft übersehener Punkt ist dabei der Energiegehalt von Protein. Auch Eiweiß liefert Kalorien: rund 4 kcal pro Gramm – genauso viel wie Kohlenhydrate28National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine; Health and Medicine Division; Food and Nutrition Board; Committee on the Dietary Reference Intakes for Energy. Dietary Reference Intakes for Energy. Washington (DC): National Academies Press (US); 2023 Jan 17. 1, Introduction. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK591029/.. Wird die Proteinzufuhr deutlich erhöht, ohne die Mengen an Fett und Kohlenhydraten entsprechend zu reduzieren, kann die tägliche Energieaufnahme steigen, wenn nicht gleichzeitig andere Energieträger reduziert oder der Appetit entsprechend kompensiert wird. Langfristig kann das Gewichtszunahme begünstigen – muss aber nicht, weil Sättigungseffekte auch gegensteuern können.

Gesundheitliche Grauzonen hoher Proteinzufuhr

Hinzu kommen gesundheitliche Aspekte, die in den US-Leitlinien kaum berücksichtigt werden. Zwar können gesunde Nieren auch höhere Proteinmengen verarbeiten, doch viele Menschen haben unerkannte Einschränkungen der Nierenfunktion, etwa infolge von Bluthochdruck oder Diabetes29Bundesgesundheitsministerium. (2025). Chronische Nierenerkrankung. Gesund.bund.de. https://gesund.bund.de/chronische-nierenerkrankung. 30Ko, G. J., Rhee, C. M., Kalantar-Zadeh, K., & Joshi, S. (2020). The Effects of High-Protein Diets on Kidney Health and Longevity. Journal of the American Society of Nephrology : JASN31(8), 1667–1679. https://doi.org/10.1681/ASN.2020010028.. Für diese Gruppen kann eine dauerhaft sehr hohe Proteinzufuhr mit potenziellen Risiken assoziiert sein.

Auch aus der Alters- und Langlebigkeitsforschung gibt es Hinweise darauf, dass sich extrem proteinreiche Ernährungsweisen, die insbesondere stark tierische Produkte enthalten, langfristig nicht zwingend günstig auf die Gesundheit auswirken31Kitada, M., Ogura, Y., Monno, I., & Koya, D. (2019). The impact of dietary protein intake on longevity and metabolic health. EBioMedicine43, 632–640. https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2019.04.005.. Dabei geht es weniger um einzelne Grammzahlen als um das Gleichgewicht zwischen kurzfristiger Sättigung und langfristiger metabolischer Gesundheit.

Der differenzierte Ansatz der DGE

Ganz anders positioniert sich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Die DGE verfolgt einen bewusst differenzierten Ansatz. Für Erwachsene unter 65 Jahren bleibt der Referenzwert bei 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht. Erst im höheren Alter wird eine moderate Erhöhung empfohlen, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken32Richter, M., Baerlocher, K., Bauer, J. M., Elmadfa, I., Heseker, H., Leschik-Bonnet, E., Stangl, G., Volkert, D., Stehle, P., & on behalf of the German Nutrition Society (DGE) (2019). Revised Reference Values for the Intake of Protein. Annals of nutrition & metabolism74(3), 242–250. https://doi.org/10.1159/000499374. 33Deutz, N. E., Bauer, J. M., Barazzoni, R., Biolo, G., Boirie, Y., Bosy-Westphal, A., Cederholm, T., Cruz-Jentoft, A., Krznariç, Z., Nair, K. S., Singer, P., Teta, D., Tipton, K., & Calder, P. C. (2014). Protein intake and exercise for optimal muscle function with aging: recommendations from the ESPEN Expert Group. Clinical nutrition (Edinburgh, Scotland)33(6), 929–936. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2014.04.007.. Entscheidend ist dabei nicht die maximale Menge, sondern die Frage, woher das Protein stammt.

Da viele Menschen ihren Proteinbedarf bereits erreichen, legt die DGE den Schwerpunkt stärker auf die Qualität der Proteinquellen. Pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie liefern nicht nur Eiweiß, sondern auch Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und komplexe Kohlenhydrate – also ein „Proteinpaket“ an Begleitnährstoffen, das in vielen westlichen Ernährungsweisen zu kurz kommt34Hertzler, S. R., Lieblein-Boff, J. C., Weiler, M., & Allgeier, C. (2020). Plant Proteins: Assessing Their Nutritional Quality and Effects on Health and Physical Function. Nutrients12(12), 3704. https://doi.org/10.3390/nu12123704.. Der Fokus liegt somit weniger auf „mehr Protein“ als auf einer insgesamt ausgewogeneren Ernährung.

Proteinempfehlungen im Vergleich (USA vs. DGE)

Ein direkter Vergleich macht deutlich, wie unterschiedlich die beiden Ansätze in Zielsetzung und Schwerpunkt sind:

ThemaUSA (US-DGA 2025)Deutschland (DGE)
Empfohlene MengeHoch (ca. 1,2–1,6 g/kg)Moderat (ca. 0,8–1,0 g/kg)
Zielgruppe im FokusAllgemeinbevölkerung (mit stärkerer Betonung höherer Proteinziele)Alters- & bedarfsabhängig
HauptquellenTierische Produkte (pflanzliche möglich, aber weniger betont)Pflanzliche Proteinquellen priorisiert, tierische ergänzend
GesundheitslogikSättigung & MuskelmasseLangfristige Prävention
RisikenKalorienüberschuss und erhöhte Fettzufuhr möglichGeringer bei ausgewogener Planung

Protein isst man nie allein

Ein zentrales Konzept, das diesen Unterschied gut verdeutlicht, ist das „Protein Package“. Protein wird nie isoliert, sondern immer im Verbund mit anderen Nährstoffen verzehrt. Wer seinen Proteinbedarf vor allem durch rotes Fleisch, Eier und Vollmilch deckt, nimmt automatisch auch große Mengen gesättigter Fettsäuren, Cholesterin und Salz (bei verarbeiteten Produkten) auf. In der Praxis kollidiert dies schnell mit anderen Ernährungsempfehlungen, etwa zur Begrenzung gesättigter Fette.

Genau hier zeigt sich ein inneres Spannungsfeld der US-Leitlinien: Die empfohlene hohe Proteinzufuhr kann in der Praxis dazu führen, dass bei einer starken Orientierung an tierischen Lebensmitteln die empfohlenen Fettgrenzen überschritten werden. Die DGE umgeht dieses Spannungsfeld, indem sie pflanzliche und fettärmere Proteinquellen priorisiert. Protein wird somit nicht isoliert betrachtet, sondern in einen langfristig sinnvollen ernährungsphysiologischen Gesamtkontext eingebettet.

Mehr Protein klingt zwar logisch, ist aber nicht für alle gleich sinnvoll. Hohe Proteinmengen können für bestimmte Gruppen, wie etwa ältere Menschen oder intensiv Trainierende, sinnvoll sein. Für die Allgemeinbevölkerung ist jedoch nicht die maximale Menge entscheidend, sondern die Herkunft des Proteins und das Gesamtpaket aus Fett, Kalorien und Ballaststoffen.

Butter, Talg & Pflanzenöle: Warum Fett wieder emotional diskutiert wird

Kaum ein Ernährungsthema wird derzeit so leidenschaftlich diskutiert wie das Thema Fett. Butter feiert ein Comeback, Rindertalg gilt plötzlich als „natürliches Superfett“ und Pflanzenöle stehen unter Generalverdacht. Genau hier zeigen sich die deutlichsten Unterschiede zwischen den neuen US-Ernährungsempfehlungen und dem Ansatz der DGE.

In den USA werden Butter und sogar Rindertalg in den neuen Leitlinien wieder ausdrücklich als mögliche Kochfette genannt, obwohl die formale Empfehlung, den Konsum gesättigter Fettsäuren auf maximal 10 % der Energiezufuhr zu begrenzen, weiterhin besteht. Diese scheinbare Widersprüchlichkeit erklärt sich weniger aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen als aus einem veränderten Narrativ. In den sozialen Medien und in Teilen alternativer Gesundheitsbewegungen gelten Pflanzenöle zunehmend als Entzündungstreiber. Die wissenschaftliche Evidenz stützt diese pauschale Erzählung jedoch nicht35Capital Cardiology Associates (2024). The truth about seed oils and the beef tallow trend. https://capitalcardiology.com/cca-news/the-truth-about-seed-oils-and-the-beef-tallow-trend..

Saatöle unter Verdacht – was die Datenlage sagt

Besonders häufig richtet sich die Kritik gegen gängige Sorten sog. Saatöle wie Sonnenblumen-, Soja- oder Rapsöl. Ihnen wird vorgeworfen, durch ihren Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren Entzündungsprozesse im Körper zu fördern. Wissenschaftlich lässt sich diese Behauptung jedoch nicht stützen.

Große Übersichtsarbeiten und kontrollierte Studien zeichnen ein sehr konsistentes Bild: Wird ein Teil der gesättigten Fettsäuren aus Butter oder Talg durch pflanzliche Öle ersetzt, sinken LDL-Cholesterin und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen messbar36Hooper, L., Martin, N., Jimoh, O. F., Kirk, C., Foster, E., & Abdelhamid, A. S. (2020). Reduction in saturated fat intake for cardiovascular disease. The Cochrane database of systematic reviews8(8), CD011737. https://doi.org/10.1002/14651858.CD011737.pub3.. Genau auf dieser Evidenz beruhen seit Jahrzehnten die Empfehlungen der Kardiologie37American Heart Association (2025). Replacing butter with plant-based oils may reduce the risk of premature death. Heart.org Newsroom. https://newsroom.heart.org/news/replacing-butter-with-plant-based-oils-may-reduce-the-risk-of-premature-death.. Die aktuelle Kritik an Pflanzenölen basiert daher weniger auf Daten als auf vereinfachenden Deutungen einzelner biochemischer Mechanismen38Harvard T.H. Chan School of Public Health (2024). Beef tallow is not a healthier option than seed oils. https://hsph.harvard.edu/news/beef-tallow-not-a-healthier-option-than-seed-oils/..

Wenn Narrative wichtiger werden als Risiken

Problematisch wird die neue US-Linie aus Public-Health-Sicht vor allem deshalb, weil, weil sie populäre Erzählungen legitimiert, ohne deren gesundheitliche Folgen ausreichend mitzudenken. Butter und Rindertalg bestehen zu etwa der Hälfte aus gesättigten Fettsäuren39U.S. Department of Agriculture, Agricultural Research Service (2019). Butter, without salt (SR Legacy 173430) [Datenbankeintrag]. FoodData Central. https://fdc.nal.usda.gov/food-details/173430/nutrients. 40U.S. Department of Agriculture, Agricultural Research Service (2019). Fat, beef tallow (SR Legacy 171400) [Datenbankeintrag]. FoodData Central. https://fdc.nal.usda.gov/food-details/171400/nutrients.. Wird er regelmäßig als Alltagsfett verwendet, steigt langfristig das Risiko für ungünstige Blutfettwerte – insbesondere in einer Bevölkerung, die ohnehin eine hohe Prävalenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweist41American Heart Association (2024). Saturated fats. https://www.heart.org/en/healthy-living/healthy-eating/eat-smart/fats/saturated-fats. 42Robert Koch-Institut. (n.d.). Herz-Kreislauf-Erkrankungen. https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Koerperliche-Gesundheit/Herz-Kreislauf/herz-kreislauf-erkrankungen-node.html..

Dass formale Grenzwerte weiterhin bestehen, ändert wenig an der Signalwirkung: Was offiziell empfohlen wird, gilt vielen als unbedenklich. Genau hier verschwimmt die Grenze zwischen differenzierter Ernährungswissenschaft und vereinfachter Botschaft.

Der nüchterne Ansatz der DGE

Die DGE bleibt an dieser Stelle bewusst konservativ – im positiven Sinne. Sie empfiehlt pflanzliche Öle weiterhin als Hauptfettquelle und hebt insbesondere Rapsöl hervor43Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024). DGE Ernährungskreis – Öle und Fette. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-ernaehrungskreis/oele-und-fette/.. Ausschlaggebend hierfür sind dessen günstiges Fettsäuremuster, der vergleichsweise niedrige Anteil an gesättigten Fettsäuren und die gute Alltagstauglichkeit.

Tierische Fette sowie Kokos- und Palmöl werden hingegen als weniger günstig eingestuft. Dieser Ansatz deckt sich mit den Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften und schützt vor kurzfristigen Ernährungstrends, die wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert sind.

Fettquellen im Vergleich: USA und DGE

Die unterschiedlichen Bewertungen von Butter, Talg und Pflanzenölen lassen sich im direkten Vergleich gut einordnen:

AspektUSA (US-DGA 2025)Deutschland (DGE)
Bewertung tierischer FetteAls mögliche Optionen genannt (z. B. Butter, Talg); Begrenzung gesättigter Fettsäuren formal weiterhin empfohlenZurückhaltend bewertet; Begrenzung gesättigter Fettsäuren klar betont
PflanzenöleFormal empfohlen, kommunikativ teils relativiertKlar bevorzugt
ErnährungslogikBetonung von Natürlichkeit & VerarbeitungBetonung von Fettsäuremuster & Prävention
Herz-Kreislauf-PerspektiveGrenzwerte bestehen, aber weniger prominent kommuniziertZentrales Bewertungskriterium
UmweltaspekteIn den Leitlinien kaum berücksichtigtImplizit berücksichtigt (ressourcen- & emissionsärmer)
Alltagsbotschaft„Natürliches Fett ist akzeptabel“„Qualität der Fettsäuren zählt“

Fett ist auch eine Umweltfrage

Neben der gesundheitlichen Perspektive spielt, wenn auch eher im Hintergrund, die Umwelt eine Rolle. Während pflanzliche Öle wie Rapsöl vergleichsweise ressourceneffizient produziert werden können, ist Rindertalg untrennbar mit der Rindfleischproduktion verbunden, die zu den emissionsintensivsten Formen der Lebensmittelproduktion zählt44Grossi, G., Goglio, P., Vitali, A., & Williams, A. G. (2018). Livestock and climate change: impact of livestock on climate and mitigation strategies. Animal frontiers : the review magazine of animal agriculture9(1), 69–76. https://doi.org/10.1093/af/vfy034. 45Gerber, P. J., Steinfeld, H., Henderson, B., Mottet, A., Opio, C., Dijkman, J., Falcucci, A., & Tempio, G. (2013). Tackling climate change through livestock: A global assessment of emissions and mitigation opportunities. Food and Agriculture Organization of the United Nations. https://www.fao.org/3/i3437e/i3437e.pdf..

Selbst wenn Talg als Nebenprodukt betrachtet wird, ist er Teil eines Produktionssystems mit hohem Flächen-, Futter- und Treibhausgasbedarf46Poore, J., & Nemecek, T. (2018).
Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers.
Science, 360(6392), 987–992. https://doi.org/10.1126/science.aaq0216.
. Eine steigende Nachfrage kann dieses System indirekt stabilisieren und ausweiten47Costa, M. P., Saget, S., Zimmermann, B., Petig, E., Angenendt, E., Rees, R. M., Chadwick, D., Gibbons, J., Shrestha, S., Williams, M., & Styles, D. (2023). Environmental and land use consequences of replacing milk and beef with plant-based alternatives. Journal of Cleaner Production, 424, 138826. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2023.138826.. Die DGE berücksichtigt solche Zielkonflikte zumindest implizit, während sie in den US-Leitlinien kaum thematisiert werden48The Nutrition Source (2026). Dietary Guidelines for Americans 2025–2030: Progress on added sugar, protein hype, saturated fat contradictions. Harvard T.H. Chan School of Public Health. https://nutritionsource.hsph.harvard.edu/2026/01/09/dietary-guidelines-for-americans-2025-2030/..

Zwischen Evidenz und Emotion

Unterm Strich zeigt sich auch beim Thema Fett ein grundlegender Unterschied: Die USA setzen auf einfache, emotional aufgeladene Botschaften und eine Rückbesinnung auf vermeintlich „ursprüngliche“ Lebensmittel. Die DGE orientiert sich hingegen an stabiler Evidenz und langfristigem Gesundheitsschutz, was vielleicht weniger spektakulär klingt.

Gerade bei einem so sensiblen Thema wie Fett erweist sich diese Zurückhaltung jedoch als Stärke.

Hochverarbeitete Lebensmittel: Wo sich USA und Europa ähneln

Fast Food USA
Burger, Pommes & Donuts – das Ernährungsbild, von dem die USA wegwollen.

Hochverarbeitete Lebensmittel stehen seit einigen Jahren besonders in der Kritik. Hier nähern sich die neuen US-Ernährungsempfehlungen und der europäische Ansatz einander an, mehr als es auf den ersten Blick scheint. Beide Seiten erkennen an, dass stark verarbeitete Produkte, die häufig salzig oder süß sind und zugesetzten Zucker bzw. Natrium enthalten, sowie solche, die durch Zusatzstoffe (z. B. Aromen, Farbstoffe, Süßstoffe) optimiert wurden, ein zentrales Problem moderner Ernährung darstellen. Der Unterschied liegt weniger im Ziel als im Weg dorthin.

Der offensive Kurs der USA

Die US-Leitlinien 2025 positionieren sich dabei auffallend offensiv: Hochverarbeitete Lebensmittel werden deutlich problematisiert, und in der begleitenden Kommunikation wird eine Reduktion bestimmter Zusatzstoffe – darunter auch erdölbasierte Lebensmittelfarben – ausdrücklich gefordert. Die Leitlinien betonen, dass keine Menge zugesetzten Zuckers empfohlen wird. Praktisch wird u. a. eine Grenze von maximal 10 g zugesetztem Zucker pro Mahlzeit genannt.49Aleccia, J. (2026). New dietary guidelines urge Americans to avoid processed foods and added sugar. AP News. https://apnews.com/article/dietary-guidelines-health-agriculture-federal-nutrition-2d8fa56be3c5900fc45116af7c69d786.

Hintergrund dieser Positionierung ist u. a. die Sorge um mögliche Effekte bestimmter Zusatzstoffe auf Aufmerksamkeit und Verhalten bei Kindern, wie sie in der öffentlichen Debatte seit Jahren diskutiert werden50European Food Safety Authority (2008). EFSA evaluates Southampton study on food additives and child behaviour. https://www.efsa.europa.eu/en/news/efsa-evaluates-southampton-study-food-additives-and-child-behaviour.. Aus Sicht des vorbeugenden Verbraucherschutzes ist dieser Ansatz nachvollziehbar, da die Verantwortung klar bei den Herstellern verortet wird und problematische Stoffe schrittweise vom Markt genommen werden sollen.

Wenn „chemisch“ zum Hauptkriterium wird

Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch eine Schwäche des US-Ansatzes. Der Fokus liegt stark auf einzelnen „chemischen“ Substanzen. Ein Lebensmittel kann dann als günstiger erscheinen, wenn es möglichst wenige Zusatzstoffe enthält – unabhängig davon, wie ausgewogen es insgesamt ist.

So kann ein stark fetthaltiger Burger aus „natürlichen“ Zutaten als günstiger gelten als ein pflanzliches Produkt mit Zusatzstoffen, obwohl dies aus gesundheitlicher Sicht nicht zwingend sinnvoll ist. Die Bewertung verschiebt sich somit von der Gesamtzusammensetzung hin zu einer eher symbolischen Trennlinie zwischen „natürlich“ und „künstlich“.

Europas Vorsorgeprinzip

In Europa ist der Umgang mit vielen dieser Stoffe längst reguliert. So müssen Farbstoffe wie Tartrazin (E102) oder Allurarot AC (E129) seit Jahren mit einem Warnhinweis versehen werden, der auf mögliche Auswirkungen auf die Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern hinweist51European Union. (2008). Regulation (EC) No 1333/2008 of the European Parliament and of the Council on food additives (Annex V). Official Journal of the European Union. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:32008R1333.. Durch die verpflichtende Warnkennzeichnung sind zahlreiche Hersteller dazu übergegangen, diese Farbstoffe zu vermeiden bzw. Produkte zu reformulieren – oft zugunsten natürlicher Farbgeber oder „färbender Lebensmittel“ (z. B. aus Gemüse-/Fruchtextrakten, Gewürzen oder Algen)52Food Standards Agency. (2025). Food additives. https://www.food.gov.uk/safety-hygiene/food-additives. 53Heller, L. (2009). FSA lists products free of Southhampton colours. FoodNavigator. https://www.foodnavigator.com/Article/2009/02/03/FSA-lists-products-free-of-Southampton-colours/. 54Bratinova, S. (2015). Provision of scientific and technical support with respect to the classification of extracts/concentrates with colouring properties either as food colours (food additives falling under Regulation (EC) No 1333/2008) or colouring foods (EUR 27425; JRC96974). Publications Office of the European Union. https://doi.org/10.2787/608023..

Das Ergebnis ist sichtbar: In der Praxis können sich die Zutatenlisten einzelner Produktkategorien zwischen der EU und den USA unterscheiden, je nachdem, welche Zusatzstoffe eingesetzt werden dürfen bzw. wie diese gekennzeichnet werden müssen55European Parliament & Council. (2008). Regulation (EC) No. 1333/2008 of the European Parliament and of the Council of 16 December 2008 on food additives (OJ L 354, 31.12.2008, pp. 16–33). EUR-Lex. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:32008R1333. 56Food and Drug Administration (2025). Color additives (21 C.F.R. pts. 70–82). U.S. Government Publishing Office. https://www.ecfr.gov/current/title-21/chapter-I/subchapter-A. 57Food and Drug Administration. (2025). General recognition of safety (GRAS) (21 C.F.R. § 170.30). U.S. Government Publishing Office. https://www.ecfr.gov/current/title-21/chapter-I/subchapter-B/part-170.. Der europäische Ansatz setzt somit weniger auf nachträgliche Verbote als auf Regulierung, Transparenz und Marktanpassung.

Einordnung statt Etikettierung

Die DGE verwendet in ihren Empfehlungen keine expliziten Begriffe wie „ultra-processed foods“ oder die NOVA-Klassifikation. Inhaltlich warnt sie jedoch ähnlich: Süßes, Salziges und sehr Fettiges sollen nur selten verzehrt werden58Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024). Gut essen und trinken – die DGE-Empfehlungen. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-empfehlungen/..

Der europäische Diskurs ist dabei weniger auf einzelne Stoffe fixiert, sondern stärker auf das Gesamtmuster der Ernährung. Entscheidend ist nicht allein, ob ein Lebensmittel verarbeitet ist, sondern auch, wie es verarbeitet wurde und in welchem Kontext es regelmäßig konsumiert wird.

Nicht jede Verarbeitung ist problematisch

Deshalb ist eine Differenzierung wichtig: Die Verarbeitung an sich ist nicht automatisch problematisch – kritischer sind vor allem ultra-verarbeitete Produkte. Dabei handelt es sich um industrielle Formulierungen aus Zutaten und Zusatzstoffen, die in Küchen selten verwendet werden und u. a. Textur, Farbe oder Aroma optimieren59Monteiro, C. A., Cannon, G., Levy, R. B., Moubarac, J. C., Louzada, M. L., Rauber, F., Khandpur, N., Cediel, G., Neri, D., Martinez-Steele, E., Baraldi, L. G., & Jaime, P. C. (2019). Ultra-processed foods: what they are and how to identify them. Public health nutrition22(5), 936–941. https://doi.org/10.1017/S1368980018003762.. Es gibt viele verarbeitete Lebensmittel, die sich gut in eine ausgewogene Ernährung integrieren lassen, zum Beispiel Naturjoghurt, Brot mit einer kurzen Zutatenliste oder Tiefkühlgemüse ohne Zusätze.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass die US-Leitlinien erstmals auch das Mikrobiom betonen und fermentierte sowie ballaststoffreiche Lebensmittel hervorheben. Dies deckt sich gut mit der pflanzenbetonten Ausrichtung und dem Ballaststoff-Fokus der DGE.

Problematisch wird Verarbeitung vor allem dann, wenn sie zur Herstellung ultra-verarbeiteter Lebensmittel dient, die sich durch hohe Energiedichte und eine ungünstige Kombination aus Zucker, Fett und Salz auszeichnen. Ein hoher Konsum solcher Produkte ist konsistent mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht, kardiometabolische Erkrankungen und eine höhere Gesamtmortalität assoziiert60Pagliai, G., Dinu, M., Madarena, M. P., Bonaccio, M., Iacoviello, L., & Sofi, F. (2021). Consumption of ultra-processed foods and health status: a systematic review and meta-analysis. The British journal of nutrition125(3), 308–318. https://doi.org/10.1017/S0007114520002688.. Genau an diesem Punkt setzen sowohl die neuen US-Leitlinien als auch der europäische Ansatz an – wenn auch mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung.

Umgang mit Zusatzstoffen im Vergleich (vereinfacht)

ThemaUSA (US-DGA 2025)Deutschland / EU
LebensmittelfarbenPolitischer Reformulierungsdruck, starke RhetorikWarnhinweise seit 2010, nachweisliche Marktreduktion
Zugesetzter ZuckerSehr restriktive Empfehlungen („besser vermeiden“)Deutliche Reduktion empfohlen
SüßstoffeSkeptisch, möglichst meidenAls sicher bewertet bei Einhaltung der ADI-Werte
Bewertung von VerarbeitungFokus auf „künstliche Zutaten“Fokus auf Nährwertprofil & Ernährungsmuster
Grundhaltung„Clean Label“ & NatürlichkeitVorsorgeprinzip & Gesamternährung

Unterschiedliche Tonlage, ähnliches Ziel

Unterm Strich zeigt sich: Die USA holen in diesem Bereich teilweise nach, was in Europa schon lange etabliert ist – allerdings wird dabei eine deutlich emotionalere Sprache verwendet. Europa und die DGE setzen stärker auf Regulierung, Kennzeichnung und Einordnung als auf Verbote und Schuldzuweisungen.

Beide Ansätze haben ihre Stärken. Entscheidend ist jedoch, den Blick nicht auf einzelne Zusatzstoffe zu verengen, sondern das große Ganze im Blick zu behalten: eine langfristig gesunde, alltagstaugliche und ausgewogene Ernährung.

Nachhaltigkeit: Der Punkt, an dem sich die Wege trennen

Wer verstehen möchte, warum sich die Ernährungsempfehlungen der USA und Deutschlands derzeit so deutlich voneinander unterscheiden, stößt unweigerlich auf einen Punkt, der in Ernährungsdebatten lange eine Nebenrolle gespielt hat: die Umwelt. Genau hier wird der Gegensatz besonders sichtbar.

Ernährung als Teil eines Systems

Die DGE betrachtet Ernährung heute nicht mehr nur als Frage individueller Gesundheit, sondern als Teil eines größeren Systems. In ihren aktuellen Empfehlungen wird deshalb auch die Nachhaltigkeit berücksichtigt61Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024). Gut essen und trinken – DGE stellt neue lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen für Deutschland vor. https://www.dge.de/presse/meldungen/2024/gut-essen-und-trinken-dge-stellt-neue-lebensmittelbezogene-ernaehrungsempfehlungen-fuer-deutschland-vor/.. Dahinter steht die Überlegung, dass Ernährungsempfehlungen langfristig auch ökologische Belastungsgrenzen berücksichtigen sollten, weil Umwelt- und Gesundheitseffekte in realen Ernährungssystemen zusammenhängen62Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2025). Neues Factsheet: DGE-Ernährungsempfehlungen und Planetary Health Diet im Vergleich. https://www.dge.de/presse/meldungen/2025/neues-factsheet-dge-ernaehrungsempfehlungen-und-planetary-health-diet-im-vergleich/..

Weniger Fleisch, mehr Spielraum

Konkret bedeutet das, dass Lebensmittel mit hoher Umweltbelastung in den Empfehlungen geringer gewichtet werden. Deshalb werden Fleisch, insbesondere rotes Fleisch, und Wurst auf maximal 300 Gramm pro Woche begrenzt63Deutsche Gesellschaft für Ernährung (o. D.). Fleisch und Wurst – weniger ist mehr. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-empfehlungen/fleisch-und-wurst/.. Pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Getreide, Gemüse und Nüsse schneiden in dieser Gesamtbetrachtung hingegen deutlich besser ab. Sie benötigen weniger Fläche, verursachen geringere Treibhausgasemissionen und weisen im Durchschnitt eine deutlich günstigere Umweltbilanz auf64Willett, W., Rockström, J., Loken, B., Springmann, M., Lang, T., Vermeulen, S., Garnett, T., Tilman, D., DeClerck, F., Wood, A., Jonell, M., Clark, M., Gordon, L. J., Fanzo, J., Hawkes, C., Zurayk, R., Rivera, J. A., De Vries, W., Majele Sibanda, L., Afshin, A., … Murray, C. J. L. (2019). Food in the Anthropocene: the EAT-Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. Lancet (London, England)393(10170), 447–492. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)31788-4..

Für den Alltag heißt das nicht Verzicht, sondern eine Verschiebung der Gewichte: weniger tierische Produkte, dafür häufiger pflanzliche Alternativen.

Nachhaltigkeit ohne Umweltbezug?

In den neuen US-Ernährungsempfehlungen spielt der Zusammenhang zwischen Ernährung und Umweltbelastung in den zentralen Botschaften kaum eine Rolle65Igini, M. (2026, January 12). New US food guidelines prioritize emissions-intensive meat and dairy industries. Earth.Org. https://earth.org/new-us-food-guidelines-prioritize-emissions-intensive-meat-and-dairy-industries/.. Klimawandel, Treibhausgasemissionen oder Landnutzung werden in den zentralen Botschaften nicht thematisiert. Auch die DGE verweist in ihrer Einordnung darauf, dass Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte in den US-Leitlinien nicht als zentraler Bewertungsmaßstab auftreten. Stattdessen wird die Bedeutung tierischer Produkte – von Rindfleisch über Milch bis hin zu Rindertalg – gestärkt. Dies wird in der politischen Kommunikation häufig als Unterstützung lokaler landwirtschaftlicher Produzenten gerahmt („to support American farmers, ranchers, and companies“)und als Beitrag zu einer robusten, national verankerten Lebensmittelversorgung gerahmt66U.S. Department of Health and Human Services & U.S. Department of Agriculture. (2026). Dietary Guidelines for Americans, 2025–2030 (10-page report). https://cdn.realfood.gov/DGA.pdf. 67Hagstrom, J. (2026). Trump administration reverses food pyramid, puts meat, dairy, veggies at top. DTN Progressive Farmer. https://www.dtnpf.com/agriculture/web/ag/livestock/article/2026/01/13/trump-administration-reverses-food.. Die Neubewertung tierischer Lebensmittel lässt sich damit nicht nur ernährungsphysiologisch, sondern auch als politisch-kommunikative Schwerpunktsetzung lesen, die landwirtschaftliche Produktions- und Versorgungsnarrative betont.

Dabei ist weniger die Idee der regionalen Landwirtschaft problematisch, sondern vielmehr die Ausblendung zentraler Umweltwirkungen. Der Großteil der Treibhausgasemissionen entsteht nämlich nicht im Transport, sondern in der landwirtschaftlichen Produktionsphase: Bei tierischen Lebensmitteln sind es vor allem Methanemissionen aus der Verdauung, Emissionen aus Gülle und Mist sowie Emissionen, die durch die Futtermittelproduktion und damit verbundene Landnutzungsänderungen entstehen68Poore, J., & Nemecek, T. (2018).
Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers.
Science, 360(6392), 987–992. https://doi.org/10.1126/science.aaq0216.
. Werden diese Faktoren nicht berücksichtigt, entsteht ein verzerrtes Nachhaltigkeitsverständnis, das kurzfristig anschlussfähig wirkt, langfristig jedoch nicht tragfähig ist.

Warum das den Alltag betrifft

Diese Unterschiede sind keineswegs abstrakt. Ernährungsempfehlungen setzen Trends. Sie beeinflussen, welche Lebensmittel produziert werden, wie sich die Preise entwickeln und welche Ernährungsweisen gesellschaftlich als „normal“ gelten. Werden Aspekte der Nachhaltigkeit systematisch ausgeklammert, steigt das Risiko, dass gesundheitliche Fortschritte auf Kosten der Umwelt erzielt werden – und damit letztlich auf Kosten zukünftiger Generationen.

Nachhaltigkeit im Vergleich – kurz & übersichtlich

AspektDeutschland (DGE)USA (US-DGA 2025)
Rolle der UmweltNachhaltigkeit explizit als Bestandteil der Empfehlungen berücksichtigtUmweltaspekte in den zentralen Leitlinien nicht explizit adressiert
FleischempfehlungDeutlich reduzierte Mengen (z. B. max. ca. 300 g Fleisch/Woche)Tierische Produkte integraler Bestandteil der Empfehlungen, keine vergleichbare Obergrenze
BegründungslogikKombination aus Gesundheitsprävention und Planetary-Health-AnsatzFokus auf individuelle Gesundheit ohne systematische Umweltbewertung
Langfristige PerspektiveRessourcen-, klima- und zukunftsorientiertKurz- bis mittelfristige gesundheitsbezogene Perspektive
Alltagsbotschaft„Mehr pflanzliche Lebensmittel, weniger Fleisch“„Traditionelle, überwiegend tierische Lebensmittel als Teil einer gesunden Ernährung“

Zwei Strategien, zwei Zeithorizonte

Hier zeigt sich hier der grundlegendste Unterschied zwischen beiden Ansätzen. Die DGE betrachtet Ernährung als Teil einer langfristigen Zukunftsstrategie, die sowohl für den Menschen als auch für den Planeten gesund und tragfähig ist. In den USA werden Gesundheitspolitik und Umweltfragen hingegen bewusst voneinander getrennt.

Kurzfristig mag das einfacher zu kommunizieren sein. Langfristig birgt es jedoch das Risiko, Probleme zu verschieben statt zu lösen – von der eigenen Gesundheit bis hin zu Umwelt, Ressourcen und kommenden Generationen.

Ernährung wirkt über den eigenen Tellerrand hinaus. Was als „gesund“ empfohlen wird, beeinflusst nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern auch Produktion, Preise und den Ressourcenverbrauch. Werden Umweltaspekte ausgeklammert, besteht die Gefahr, dass gesundheitliche Fortschritte auf Kosten zukünftiger Generationen erzielt werden.

Was das für Verbraucher bedeutet

Ernährungsempfehlungen entfalten nur dann Wirkung, wenn sie im Alltag umsetzbar sind. Es reicht nicht aus, theoretisch gesund zu sein – sie müssen auch bezahlbar, verfügbar und kulturell anschlussfähig sein. Genau hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen dem US-Ansatz und den Empfehlungen der DGE.

Auffällig ist, dass die US-Leitlinien stark auf individuelle Kalorienbedarfe, Portionsgrößen und körperliche Aktivität verweisen. Dies entspricht einem klassischen Public-Health-Ansatz, setzt jedoch voraus, dass Menschen über ausreichend Ressourcen, Gesundheitskompetenz und günstige Lebensumstände verfügen.

Ein anspruchsvolles Ideal

Auch wenn die Leitlinien betonen, dass pflanzliche Proteine, Konserven und tiefgekühlte Lebensmittel Teil einer gesunden Ernährung sein können, liegt der kommunikative Schwerpunkt deutlich auf hochwertigen, überwiegend tierischen Lebensmitteln: viel Protein, möglichst „echtes“ Essen, wenig Verarbeitung. Für Menschen mit gutem Einkommen, ausreichend Zeit zum Kochen und einer guten Verfügbarkeit von Lebensmitteln kann dieser Ansatz funktionieren. Für große Teile der Bevölkerung ist dieser Ansatz jedoch kaum realisierbar.

Fleisch, Fisch und Milchprodukte gehören zu den teuersten Lebensmitteln, insbesondere im Verhältnis zu ihrem Energiegehalt69Carlson, A., & Frazão, E. (2012). Are healthy foods really more expensive? It depends on how you measure the price (Economic Information Bulletin No. 96). U.S. Department of Agriculture, Economic Research Service. https://ers.usda.gov/sites/default/files/_laserfiche/publications/44678/19980_eib96.pdf?v=58516 70Herforth, A., Bai, Y., Venkat, A., Mahrt, K., Ebel, A., & Masters, W. A. (2020). Cost and affordability of healthy diets across and within countries (FAO Agricultural Development Economics Technical Study No. 9). Food and Agriculture Organization of the United Nations. https://doi.org/10.4060/cb2431en. Wer regelmäßig Steak, Eier und Vollmilch kaufen möchte, merkt das schnell im Portemonnaie. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: In vielen Regionen der USA ist der Zugang zu frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln eingeschränkt. Zwar betonen die Leitlinien, dass auch Konserven oder Bohnen eine Rolle spielen können, doch der Fokus der Kommunikation bleibt stark auf teuren tierischen Produkten. Gerade in Zeiten steigender Lebensmittelpreise läuft dieses Modell Gefahr, an der Lebensrealität vieler Menschen vorbeizugehen.

Der pragmatische Ansatz der DGE

Der deutsche Ansatz ist in dieser Hinsicht deutlich pragmatischer. Die DGE empfiehlt eine Ernährung, die stärker pflanzenbetont ist und auf Lebensmitteln basiert, die vergleichsweise günstig, lange haltbar und flächendeckend verfügbar sind. Kartoffeln, Brot, Nudeln, Hülsenfrüchte und Gemüse bilden dabei die Basis. Studien zeigen, dass ein überwiegend pflanzlicher Einkaufskorb in Deutschland häufig günstiger ist als eine fleischzentrierte Ernährung. Fleisch wird nicht ausgeschlossen, aber der Konsum wird reduziert.

Diese Reduktion hat einen doppelten Effekt. Zum einen sinken die Ausgaben insgesamt. Andererseits entsteht Spielraum für Qualität: Wer seltener Fleisch isst, kann sich eher Produkte aus besserer Haltung leisten. Das Prinzip „weniger, aber besser“ ist somit nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch sozial gerechter.

Wer profitiert wovon?

Von der pflanzenbetonten Strategie profitieren vor allem diejenigen, für die eine funktionierende Ernährung im Alltag wichtig ist: Familien, Menschen mit begrenztem Budget und Personen mit wenig Zeit. Eine Ernährung, die auf günstigen pflanzlichen Lebensmitteln basiert, ist für mehr Menschen zugänglich als eine, die stark auf tierische Produkte setzt.

Das US-Modell spricht dagegen eher diejenigen an, die Ernährung als bewusst gestaltetes Lebensstilprojekt umsetzen können. Beides mag individuell legitim sein, als allgemeine Empfehlung für eine gesamte Bevölkerung sind diese Unterschiede jedoch entscheidend.

Alltagstauglichkeit im Vergleich

FrageUSA (US-DGA 2025)Deutschland (DGE)
Für wen gut umsetzbar?Tendenziell besser für einkommensstärkere HaushalteFür breite Bevölkerungsschichten gut umsetzbar
KostenstrukturTierische Produkte stärker gewichtet, potenziell kostenintensiverPflanzlich geprägte Basis, insgesamt kostengünstiger
LebensmittelverfügbarkeitRegional stark unterschiedlichFlächendeckend gut
AlltagsprinzipStarker Fokus auf Proteinmenge und „hochwertige“ Lebensmittel„Mehr pflanzliche Lebensmittel, weniger Fleisch“
Soziale ZugänglichkeitHöhere ZugangshürdenGeringere Zugangshürden

Was zählt, ist das Durchhalten

Für Verbraucher bedeutet das vor allem eines: Die entscheidende Frage ist weniger, welches Modell theoretisch ideal ist, sondern welches im eigenen Alltag langfristig funktioniert. Eine Ernährung, die gesund, bezahlbar und flexibel ist, hat die besseren Chancen, tatsächlich umgesetzt zu werden.

Genau hier liegt die Stärke des pflanzenbetonten Ansatzes: Er ist nicht nur gesundheitlich sinnvoll, sondern auch für viele Menschen langfristig realistisch umsetzbar.

Was heißt das konkret auf dem Teller? Drei Alltagsbeispiele

Große Ernährungsempfehlungen wirken oft abstrakt. Ihre Unterschiede zeigen sich jedoch ganz konkret im Alltag, beispielsweise bei Lebensmitteln, die viele Menschen regelmäßig konsumieren. Gerade dort wird deutlich, wie unterschiedlich, aber teilweise auch überraschend ähnlich die USA und Deutschland Lebensmittel bewerten. Drei Beispiele machen das besonders anschaulich: Milchprodukte, Alkohol und Zucker.

Milchprodukte: Vollfett oder bewusst reduziert?

Beginnen wir mit den Milchprodukten. In den neuen US-Empfehlungen werden Vollfettprodukte wieder deutlich aufgewertet. Für Milch und Milchprodukte werden weiterhin rund drei Portionen pro Tag empfohlen, wobei Vollfettvarianten ausdrücklich als geeignete Option genannt werden. Begründet wird dies u. a. mit einer höheren Sättigung, einer guten Nährstoffdichte sowie einer kritischeren Bewertung stark verarbeiteter, fettarmer Produkte. Die zugrunde liegende Idee ist klar: Natürlichkeit soll Vorrang vor Kalorienreduktion haben.

Die DGE empfiehlt zwei Portionen Milch und Milchprodukte pro Tag. Wenn Kalorien eingespart werden sollen, werden fettärmere Varianten explizit als Option genannt. Das Ziel besteht darin, die Zufuhr gesättigter Fettsäuren und überschüssiger Kalorien zu begrenzen, ohne auf wichtige Nährstoffe wie Calcium zu verzichten.

Gleichzeitig zeigt sich die DGE pragmatisch. So werden pflanzliche Alternativen wie Sojadrinks oder -joghurts ausdrücklich akzeptiert, sofern sie sinnvoll angereichert sind und zur Nährstoffversorgung beitragen. Für den Alltag bedeutet das weniger ein „Entweder-oder“, sondern mehr Auswahl mit einem klaren Fokus auf Ausgewogenheit.

Alkohol: Ein seltener Gleichklang

Beim Thema Alkohol nähern sich die Positionen der beiden Länder überraschenderweise an. In den USA lautet die zentrale Botschaft inzwischen eindeutig: Weniger ist besser. Für Schwangere und bestimmte Risikogruppen wird ein vollständiger Verzicht empfohlen.

Auch in Deutschland hat sich der Ton deutlich verschärft. So hat die DGE 2024 einen Paradigmenwechsel vollzogen und betont, dass es keine risikofreie Menge Alkohol gibt71Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2024). Am besten null Promille – neues DGE-Positionspapier zu Alkohol. https://www.dge.de/presse/meldungen/2024/dge-positionspapier-zu-alkohol/.. Selbst geringe Mengen erhöhen das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen. Entsprechend wurde der frühere Begriff eines „Referenzwerts“ abgeschafft. Alkohol gilt somit nicht mehr als Genussmittel mit tolerierbarer Dosis, sondern als gesundheitlich problematische Substanz.

Für viele dürfte das eine unbequeme, aber klare Botschaft sein. Weniger zu trinken ist kein Verzicht, sondern aktiver Gesundheitsschutz.

Zucker: Klare Kante auf beiden Seiten

Am eindeutigsten ist der Konsens beim Zucker. Sowohl die US-Leitlinien als auch die DGE sind sich einig, dass freier Zucker deutlich reduziert werden sollte. In den USA wird dies sehr zugespitzt formuliert, teilweise mit einer Null-Toleranz-Rhetorik gegenüber zugesetztem Zucker, insbesondere für Kinder.

Die DGE formuliert es etwas alltagstauglicher: Man solle zuckerhaltige Getränke möglichst meiden und Süßigkeiten bewusst begrenzen – oder, wie es in den Empfehlungen heißt, „besser stehen lassen“. Der gemeinsame Nenner ist dennoch klar: Zucker ist kein harmloser Bestandteil der Ernährung, sondern ein Faktor, der zur Entstehung vieler Gesundheitsprobleme beiträgt. Entsprechend betonen beide Leitlinien Wasser und ungesüßte Getränke als die bevorzugte Wahl für den Alltag.

Orientierung statt Vorschrift

Diese drei Beispiele veranschaulichen, wie sich große Ernährungskonzepte im Alltag umsetzen lassen. Nicht alles ist schwarz-weiß und nicht jede Empfehlung passt für jede Person gleich gut. Gerade bei alltäglichen Lebensmitteln wird deutlich, dass es weniger um starre Regeln als um bewusste Entscheidungen geht.

Genau darin liegt die Stärke dieser Einordnung: Sie hilft dabei, Ernährungsempfehlungen nicht als Vorschriften, sondern als Orientierung für den eigenen Teller zu lesen.

Fazit: Zwei Philosophien – und was wir daraus lernen können

Der Vergleich der neuen US-Ernährungsempfehlungen mit denen der DGE macht vor allem eines deutlich: Es geht nicht nur um einzelne Nährstoffe oder Lebensmittel, sondern um zwei deutlich unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in der Ernährungspolitik.

Die Stärke (und Grenze) einfacher Botschaften

Die USA setzen in der Kommunikation stark auf einfache, slogan- und bildorientierte Botschaften. Im Mittelpunkt stehen „Real Food“, Natürlichkeit und traditionelle Lebensmittel. Dieser Ansatz ist leicht verständlich, spricht viele Menschen intuitiv an und greift reale Probleme auf, wie den hohen Konsum stark verarbeiteter Produkte oder zugesetzten Zuckers. Auch der kritischere Blick auf Zusatzstoffe und die klare Sprache können als Impuls verstanden werden, Ernährung wieder stärker zu hinterfragen.

Gleichzeitig zeigt sich, dass Vereinfachung ihre Grenzen hat. Werden komplexe Zusammenhänge, wie etwa zwischen Fettqualität, Kalorienbilanz, Herzgesundheit und Umweltfolgen, ausgeblendet, können neue Zielkonflikte entstehen. Hohe Proteinmengen, eine stärkere Betonung tierischer Fette und das Ausklammern ökologischer Aspekte wirken zwar kurzfristig attraktiv, stehen jedoch je nach Umsetzung in Spannung zu zentralen Zielen der Prävention, insbesondere in Bezug auf Fettqualität, Gesamtenergieaufnahme, Herz-Kreislauf-Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Der systemische Blick der DGE

Im Vergleich wirkt der deutsche Ansatz weniger eingängig, dafür aber systematischer. Die DGE betrachtet Ernährung nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel von Gesundheit, Umwelt und Alltagstauglichkeit. Die pflanzenbetonte Ausrichtung ist dabei kein moralisches Statement, sondern das Ergebnis wissenschaftlicher Abwägungen.

Das Ziel besteht darin, chronischen Krankheiten vorzubeugen, Ressourcen zu schonen und eine realistische Gestaltung der Ernährung für breite Bevölkerungsschichten zu ermöglichen – auch jenseits idealisierter Ernährungsbilder.

Was wir mitnehmen können

Was lässt sich daraus lernen? Aus den US-Empfehlungen die klare Sprache, den Fokus auf Lebensmittelqualität und die Sensibilität für problematische Zusatzstoffe. Aus dem Ansatz der DGE die Evidenzorientierung, die langfristige Perspektive und die Einbettung von Ernährung in ökologische und soziale Zusammenhänge.

Zusammengenommen ergibt sich ein differenzierteres Bild, als es jede Leitlinie für sich allein vermittelt.

Orientierung statt Dogma

Für Verbraucher bedeutet das vor allem eines: Ernährungsempfehlungen sind Orientierungshilfen und keine Dogmen. Wer sich überwiegend pflanzenbetont ernährt, Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel reduziert, Fette bewusst auswählt und den Konsum von Alkohol kritisch hinterfragt, hat in der Regel – unabhängig vom Land – eine solide, evidenznahe Orientierung.

Die Zukunft gesunder Ernährung liegt weniger in der Rückkehr zu idealisierten Bildern der Vergangenheit als in einer informierten, flexiblen und verantwortungsvollen Gestaltung des Alltags.

Damit schließt sich der Kreis: Es ist nicht eine einzelne Philosophie, die die eine richtige Antwort liefert, sondern die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Umsetzbarkeit und langfristige Folgen gemeinsam zu berücksichtigen.

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Alicia Kaleta

Alicia Kaleta, B.Sc. Ökotrophologie & B.Sc. Wirtschaftspsychologie, ist Masterstudentin im Studiengang Health Sciences an der HAW Hamburg. Neben ihrer Leidenschaft für wissenschaftliche Ernährungs- und Gesundheitsforschung teilt sie auf figurbetont.de praxisnahe, fundierte Inhalte zu Ernährung, Training und mentaler Gesundheit. (ResearchGate)

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